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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1903-06-01 · Heft 6 (1.6.1903) · p. Seite 123

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
23 (1903)
Issue
Heft 6 (1.6.1903)
Date
1903-06-01
Page
Seite 123 (sequence 6)
Language
German
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123 Unterrichtsstunden sich nur kümmerlich erhalten konnte — die Jugend Moses Mendelsohns, beim Kienspan, mit erstarrten Fingern vor der zusammengefrorenen Tinte! Doch die Jugend ist elastisch, besonders ein so starker Geist, wie er sich in Lazarus entwickelte. Voll Mut und Zuversicht ging er nach Berlin. Ohne seine hebräischen Studien aufzugeben, sich unausgesetzt mit Maimonides, Juda Halevy u. A. beschäftigend, hörte Moritz Lazarus in Berlin Physiologie bei Joh. Müller, Geschichte bei Ranke, Strafrecht bei Berner, Philologie bei Böckh, Sprachphilosophie bei Heyse und erregte durch ein Disputatorium unter Michelet Sensation. In Halle a. d. Saale erfolgte 184!) in glänzender Weise seine Promotion. Die Dissertation „Über die ästhetische Erziehung des Kindes" blieb bedauerlicher Weise ungedruckt. Im Alter von 26 Jahren veröffentlichte Dr. Lazarus seine erste Schrift: „Über die sittliche Berechtigung Preußens in Deutschland", eine Streitschrift, in der nachgewiesen wurde, was sich auch sechzehn Jahre später — 1866 — bewährte, daß Preußen vermöge seines protestantischen Geistes berufen fei Deutschlands Einigung und Führung zu übernehmen. Im Jahre 1855 erschien der erste Band seines psychologischen Hauptwerkes: „Das Leben der Seele", eine geradezu klassische Arbeit, tief gedacht, geistreich, glänzend geschrieben und in manchen Abschnitten von wunderbarer Schönheit. Die Fülle und Vielseitigkeit seines Wissens erregten schon früh Staunen und Bewunderung, und so wurde ihm ungesucht der Ruf als Professor der Psychologie an die Universität in Bern, wohin er 1860 übersiedelte. Durch elf Semester trug er dort Psychologie Grundzüge der Volkspsychologie, Psychologie des Staatslebens, Ethik, Moral, Statistik und Kunstgeschichte vor. So groß war sein Ansehen in Bern, daß er Dekan und Rektor, mit besonderer Genehmigung der Regierung, gleichzeitig war (1863). — Im Jahre 1865 vertrat er seine Universität bei dem fünfhundertjährigen Jubiläum der Wiener Universität, wo er sehr gefeiert wurde. So viele Würdigung und Anerkennung er auch in Bern fand, ihn zog es nach Berlin, wohin er 1866 zurückkehrte und bis 1873 an der dortigen Kriegsakademie Philosophie lehrte. Es verdient, hervorgehoben zu werden, daß sämtliche Offiziere der Akademie und unter ihnen der Kronprinz, späterer Kaiser Friedrich, seine Vorträge hörten, die er ohne Kompendium, frei und fließend hielt, und von denen der Kronprinz besonders entzückt war, ebenso Moltke. Im Oktober 1873 übernahm Lazarus eine ordentliche Honorarprofessur an der Berliner Universität und widmete gleichzeitig seine Tätigkeit der Gründung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, an der er auch lehrte. Lazarus' Bedeutung trat immer mehr hervor; seine erstaunliche Tätigkeit und große Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten menschlichen Wissens und kulturellen Strebens machten ihn zum Zentralpunkt der intelligenten Kreise Berlins. Er stand Pathe bei der Schillerstiftung, deren Präsident er bis zu seinem Wegzug war,

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