Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 106 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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106 egoistischer Irren entblößten Ideen gegründetes, gerades und redliches Verhalten zu, derr Lebensfragen? Cnit Mensch, der die Lebenserscheinungen beobachtet, ist bereits in sehr hohem Maße objektiv. Schon die bloße tiefe Beobachtung, die keinen andern Zweck hat als die Erkenntnis der Wahrheit, d. h. des Wesens oder der Erscheinung wie ji,e ist und nicht, wie wir sie sehen wollen, läßt unsere persönlichen Neiaungen stille stehen. Wir vertiefen uns ins Innere der vor uns offenliegenden und auf unsere Sinne wirkenden Dinge, ohne die Neigung zu verspüren, von denselben zu geriehen oder auf sie von unserer inneren Welt aus zu wirken. Denn, wenn in uns, in dem Momente, wo wir etwas beobachten, die Neigung vorhanden ist! darin für unsere Gefühle einen Genuß oder für unsere Ideen eine Stütze zu finden, ist diese Beobachtung keine wahre. Nur nachdem unsere Sinne die substantiellen Eindrücke der Dinge, auf die sich unsere Beobachtung richtet, ausgenommen hat. erst dann kommt der Gedanke, das ist die denkende Betrachtung des Weltganges. Der Gedanke ordnet und läutert die Eindrücke, verknüpft sie mit anderen Eindrücken und Gefühlen und zieht von ihnen gewisse Konsequenzen, welche eben die Gedanken bilden, d e in unsere Weltanschauung hineingelangen. Dieser Gedanke ist zwar auf Grund der in uns vorhandenen Gefühle und Neigungen gebaut, denn „nichts ist im Verstände, was nicht vorher im Gefühle war", jedoch, da er das letzte Resultat der spekulativen Analogie ist, ist er vor egoistischen Einflüssen gewarnt: die Logik richtet das Gefühl und die Vernunft zähmt den Willen. So entstehen in uns geläuterte und von der Eigenliebe unbestochene Gedanken, welche eben unsere moralische Erkenntnis sind. Eine Erkenntnis, die einer derartigen Quelle entstammt, soll und darf nicht blos spekulative Erkenntnis bleiben, welche mit dem praktischen Leben, zu dem sich der Mensch als lebende und wirkende Kraft verhält, nichts zu "tun hat. Wenn die Weltanschauung und ihr Resultat — oder richtiger, ihr Grundinhalt — die moralische Erkenntnis das innerste, seine ganze Seele ausfüllende Wesen ist, dann, wie ist es möglich, daß der Inhaber einer derartigen Anschauung und Erkenntnis unschöne Handlungen begehen soll? Indem er fähig ist in den Taten seine Gedanken zu vergessen, das heißt, daß seine Gelüste über seine innere Erkenntnis herrschen, ist es ein Beweis, daß die innere Erkenntnis noch nicht seine ganze Seele ausfüllte, hciß er noch nicht jene Geisteszentralisation, die eine Grundbedingung für die Existenz einer diesen Namen verdienenden Weltanschauung ist, besitzt. Wir erwähnten bereits, daß Weltanschauung „die Erfüllung des Geistes mit übereinstimmenden und miteinander harmonierenden Gedanken, so daß kein Raum mehr für irgendwelchen ix Gegensatz bleibe" — bedeute. Ein Mensch, der im Stande ist, t')er in Übereinstimmung zu bringen, ist auch in seinen Hand- und Handlungen nur Derselbe Gedanke, Der Widerspruch — zu inneren Widerspruch od seine Ideen zu einan lungen nicht minder g^danken- und einsichtsvoll. Folglich entstammen seine Ideen einer Quelle: dem vergleichenden und ordnenden Gedanken, ihn zwingt gerade und geordnet — d. h. ohne inneren senken, zwingt ihn auch gerade und mit seinen Gedanken und