Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 105 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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105 Gedanke en nennt 11 g des renden nncrn Punkt aus, zu welchem alle Punkte des Kreises d. h. all die Gedanken, die miteinander im Prinzipe übereiustimmen, streben und sich ansammeln. Wenn unser Geist in einem derartigen Zustande sich befindet, ist es uns bei Entstehung eines neuen Gedankens unmöglich, uns der Frage zu enthalten, wie sich der neue zum Zentralgedanken verhalte. Die Koordination aller verschiedenen Gedanken zum Zentralgedaiste man „Geisteszentralisation", was so viel bedeutet, wie, die Erfnllui G e i st e s m i t ü b c r e i n st i m m e n d e n und miteinander h a r m 0 n i (|: Gedanken, s 0 daß kein Raum mehr für irgend welchen Widerspruch oder Gegensatz bleibe. Ein Mensch, der eine Gcisteszentralisation hat, besitzt ein geschlossenes, ganzes und in allen seinen Teilen harmonierendes System. Dieses System umfaßt alles und betrachtet alles von einem Standpunkte, der der Zentralpunkt der Gedanken dieses Menschen ist, aus. Dieser Zentralpuukt zusammen mit allmr Kreispunkteu, die von ihm ausgehen und zu ihm zurückkehren wird zu einer Weltanschauung; denn nur sie geben der menschlichen Spekulation ihre absolute Vollständigkeit und ihren innern Einklang. Wir sehen also, daß ein geschlossenes, die inneren und äüßeren Lebensfragen, die Welt- und menschlichen Fragen in der Weise umfassendes System, daß alle seine Teile miteinander über ei n stimmen oder wenigstens nicht zu einander in Gegensatz stehen — eine Weltanschauung sei- Ein derartiges System ist bei jedem denkenden Menschen vorauszusetzen; r— möge dieser Denkende bloß nur diesen Namen verdienen oder auch ein origineller Schriftsteller nnd tiesdenkender Philosoph sein. Der Unterschied zwischen diesen Dreien ist nur der: der tiefdenkende Philosoph schafft eine neue Weltanschauung, welche das ganze Universum umfaßt; der originelle Schriftsteller schafft nur auf einem spekulativen Gebiete neue Gedanken und bringt sie mit anderen, ihnen entsprechenden _ Gedanken in Einklang, so daß sie bei ihm zu. einem ganzen System weroen; — während der Denkende, der keine Schaffenskraft besitzt, sich ein von verschiedenen originellen Menschen gesammeltes System schasst, oder in den Spuren nyr eines originellen Menschen, dessen neues System seinem Gedankengange entspricht und alle seine Fragen löst, wandelt. Eine Weltanschauung ist einem jeden dankenden Menschen notwendig; aber sie kann, wie bereits gesagt, ein völlig geliehenes oder ein Sammelsystem sein, vorausgesetzt, daß sie vor ihrer Ausnahme in d^n Geist eines Menschen, von ihm derartig einer tiefen und freien Kritik unterzogest wurde, daß sie, aufgenommen, zu einem Teile seines Innern werde. Eine derartige harmonische Weltanschauung, welche ins Fleisch uitid Blut eines Menschen übergangen ist, bringt ihren Inhaber zu einer geläuterten und reinen Erkenntnis, die in guten und geraden Handlungen zum Ausdrucke kommt. Denn, was ist die moralische Erkenntnis, wenn nicht ein auf geläuterten und festen,