Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 103 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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103 jede Erkenntnis, ohne innern Zweck, ohne Verhältnis und Band zwischen einem Worte und dem andern wiedergibt. Ein Mensch, in dessen Kopfe ein solcher Haufen von Wissen angesammelt ist, kann gelehrt aber nicht denkend sein. Nur totes Wissen kann er Anderen lehren, gleichwie man jetzt fremde Sprachen mit Hilfe des Phonographen lehrt; vermag aber nicht sie mehr denkend, besser und moralischer zu machen. Er besitzt ein Tohuwabohu von Kenntnissen, aber der göttliche Geist schwebt nicht über denselben. Er hat keine Weltanschauung, welche sein ganzes Wesen ausfüllen und darum auch keine innere Kraft, die ihn zu Werken und Taten, welche mit diesem seinen Wissen übereinstjmmen sollen, anregen sollte. Er kann die erhabensten Moralsysteme kennen und dabei ein niedriger Mensch bleiben. Auch für irgend welche erhabene Idee zu wirken, vermag er nicht, denn es ist kein innerer Impuls vorhanden, der ihn drängen sollte Opfer zu bringen; da doch keine einzige Idee ihm ins Fleisch und Blut übergangen ist, d. h. zu einem Teile seines inneren Wesens wurde. Er ist Einer von jenen toten Gelehrten, Einer jener „Tunichtgute", welche, wenn sie auch zu wirken versuchen, ihre Arbeit nur Schaden anrichtet, weil sie keine innere Grundlage, keine intellektuelle und moralische Basis besitzen. Ihnen entstammen unsere „Vielseitigen", welche alles und nichts wissen. Ihnen entstammen auch all die Schreiber, welche viel verfaßt aber nichts geschaffen, d. h. keinen einzigen originellen und fruchtbaren Gedanken hervorgebracht haben. Denn wie sollten sie etwas schaffen, wenn ihre Gedanken keiner innern Qpelle, der Tiefe der Seele entstammen? Wie können sie etwas Neues Hervorbringen, wenn ihre Gedanken nicht miteinander verknüpft sind, sich nicht von einander Entwickeln, sondern in ihrem Kopfe angehäuft und angesammelt, zufällig ohne Reihe und Ordnung, wie ein Ziegelhaufen, liegen, bevor ihn der Baumeister zu einem, rach deutlichem und geordneten Plane aufzuführenden herrlichen Gebäude benutzt hat. Diese sogenannten talentvollen Menschen haben nur eine leichte Fassungskraft, besitzen aber nicht jenen tiefen, die großen Fragen durchdringenden Geist, welche bei Jnkontakttretung unserer inneren Welt mit der äußern Sinneswelt entstehen. Die Gelehrten und Literaten dieser Art gaben Grund zur Annahme, daß ein großer Literat, ein kleiner Mann und ein tiefer Forscher ein niedriger Mensch sein kann. Bei solchen Fällen verwechseln die Menschen das Qualitative mit dem Quantitativen. Sie bedenken nicht, daß dieser Literat, den sie „groß" wähnen, nur viele Dinge ohne Inhalt und Harmonie geschrieben und angehäuft hat; nenn man aber seinen Schriften den äußeren Überzug nimmt, findet man in denselben, wissentlich oder unwissentlich, den Büchern Anderer entlehnte Gedanken und Idem, Heren Äußeres mehr oder weniger verändert ist. Das ist die Frucht der bloßen theoretisch-wissenschaftlichen Vervollkommnung, ohne vollendete und geschlossene Weltanschauung. Allein, was ist das Wesen dieser Weltanschauung? Wie erlangt man sie, daß sie die ganze Seele des Menschen ausfülle'?