Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 89 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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meine Lippen. Es war ein selig süßer Augenblick. Entsagung war die Tendenz dieses langen, innigen Kusses. „Geh in Frieden", .flüsterte sie, „ich kann nicht anders!" Ein rauher Wind schlug mir draußen ins Gesicht. Er fuhr unbarmherzig durch die hohen Bäume und kräuselte die Wasser des Schwanenteiches. Unter der Slraßenleuchte stand noch dev alte Awrom. Mein wundes Herz war empfänglich für die Leiden Anderer, ich beschenkte ihn reichlich und blieb einen Augenblick bei ihm stehen. „Werd ich jetzt nit mehr so oft sehn de junge Herr mit dem schöne Mädche vorbeigehn. Ach, es is so schad' in der Welt, was sich liebt kriegt sich net und was sich kriegt, kann-sich net leide. Judde sin Judde. Goy sin Goy, Neu is alt, Alt is neu, Bleib von Se!" Es war der stereotype, wahnsinnige Reim, den der Jude als Endrefrain allen seinen Reden anhängte. Ich kannte das wirre Hexeneinmaleins, das, ihm den Namen „der tolle Awrom" eingetragen hatte. Im Lichte meines Schmerzes aber schienen mir die Worte gar nicht so wahnsinnig; ich glaubte vielmehr den Aufschrei einer tätlich verwundeten Menschenseele zu vernehmen „Wie alt seid Ihr, Awrom?" „Wais ich net mehr; sehr alt! Wie ich noch gewußt Hab' mein Alter, hat die Juddegaß noch gestände und an der lange Schirn hat se gewohnt." „Wer?" „Wer? auch des wais der junge Heer net. Hat se doch zu mer gesagt: „Awrom wart an der Ostendstraß', ich komm." Sie kommt auch, aber es dauert lang, aber ich wart, ich wart. Ich wart schon so lang, daß ich net mehr wais, wie lang ich wart, aber ich wart. Hak se doch gesagt, sie kommt, muß se auch komme. An der lange Schirn wohnt se." Ich ging kopfschüttelnd weiter. „Bleib von se!" rief mir der tolle Awrom noch nach. Er hatte Recht, der arme Wahnsinnige. Neu ist alt und alt ist neu, ein unpoetischer Ausdruck des Heiueschen Gedankens von der alten Geschichte, die ewig neu bleibt. Aber es ist nicht nötig, daß sie dem Betroffenen immer das Herz entzwei bricht. Kraftvolle Naturen ringen sich los, sie werden Herren ihrer Qualen. Auch hierfür gilt Heines Grundsatz, eine unglückliche Liebe durch eine glückliche zu heilen. Was mochte dem tollen Awrom geschehen sein, als die Frankfurter Judengasse noch nicht abgerissen war?!"