Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 79 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969975-2969980--6887-2977555- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
79 Die ergreifendste Verkörperung fand die Gewissenszartheit in dem trefflichen Nachum aus Gimso. Es ist derselbe, der, voll Glaubensinnigkeit, zu Allem, was ihm begegnete, sprach: Auch dies ist zum Guten? Dieser Edle ward in seinen späteren Jahren mit Blindheit, Lähmung an Händen und Füßen und einer seinen ganzen Körper bedeckenden schmerzhaften Krankheit heimgesncht. Auf die Frage, weshalb ihn wohl alles dies getroffen, antwortete er: Es ist eine gerechte Strafe für eine Lässigkeit, deren ich einst, als ich mit köstlichen Speisen und Getränken beladen zu meinem Schwiegervater reiste, gegen einen Labung heischenden Wanderer mich schuldig gemacht. Ich bedeutete ihm nämlich, er möge warten, bis ich die Tiere abgeladen hätte. Unterdessen starb aber der Arme. Ta stel ich auf dessen Antlitz und sprach: Meine Augen, die sich deiner nicht erbarmt, mögen erblinden; meine Hände, die nicht sofort das Verlangte dir gereicht, sie werden gelähmt, meine Füße, die nicht sogleich zu deiner Hülfe geeilt, die sollen gekrümmt werden, und nicht eher beruhigte ich mich, als bis ich für meinen ganzen Leib einen schmerzenden Ausschlag erfleht. — „Wehe uns," riefen die Jünger, „daß wir dich in diesem Zustande sehen müssen!" „Wehe mir," entgegnete Nachum, wenn ihr mich nicht in solchem Zustande sähet." lib. 21.) ft Im Gegensatz zu jener hochmütigen Anwandlung des vorhin erwähnten Eleasar b. Simon empfiehlt der Talmud in unzähligen Aussprüchen ein demütiges und bescheidenes Verhalten selbst mitten im größten geistigen und materiellen Glanze. Welches Muster ihm dabei vorgeschwebt, mag Folgendes veranschaulichen. Wenn der gefeierte Lehrer Raba sich öffentlich zeigen mußte, und alles Volk sich verehrend um ihn drängte, sprach er den Vers ans Hiob: „Und stiege zum Himmel seine Höhe und reichte sein Haupt bis an die Wolken — wie er dahinfährt, schwindet er völlig; es sprechen, die ihn gesehen, wo ist er? Er entfliegt wie ein Traum, wird fortgescheucht wie Nachtgesiän." (Joma 87.) Wenn der Exilsfürst Mar Sutra durch die Reiben der ihm huldigenden Abgeordneten der babylonischen Gemeinden getragen wurde, sprach er das Schriftwort: „Nicht für immer dauert die Macht, oder ist die Krone für alle Geschlechter? (ib.) Einst kam eine Gemeindeabordnung zu dem Patriarchen R. Juda und bat ihn, er möchte für sie aus seinen Schülern einen geeigneten Führer auswählen. Er wählte ihnen den besten aus, 'den gelehrten Levi b. Sin. Alsbald errichteten sie ihm einen erhabenen Lrt, von welchem aus er sie über gewisse Fragen belehren sollte. Wie erstaunt waren sie aber, als ihnen der neue Meister die Antworten schuldig blieb. Voll Vorwürfe kamen sie zum Patriarchen und erzählten ihm den Mißerfolg seines Empfohlenen. Da ließ ihn der Patriarch rufen, wiederholte ihm die Fragen, und siehe, er beantwortete sie vortrefflich. Wie kanrs, fragte R. Juda, y Vgl. ferner Kiddffsch 81, die Erzählung v. R. Ctüj.i b. Aschi und seiner Gattin.!