Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- Seite 78 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 78 Gelehrten zu sehr, als daß ich die erforderliche Unbefangenheit zn bewahren mir Zutrauen könnte, (Sabbath 119.) Das G e w noch folgende Züge lssen im Talmud in seiner außerordentlichen Zartheit mögen beleuchten. Der Synhrdrialpräsident Juda b. Tabbai verursachte einst, im guten Glauben nach Gesttz und Recht zu entscheiden, die Hinrichtung eines Mannes. Spater aber belehrte ihn ein College, wie der Delinquent vermittelst einer anderen GeseHesauffassung hätte am Leben erhalten bleiben können. Da fand Juda keine Ruhe mehr. Eine Verurteilung zum Tode durch einen jüdischen Gerichtshof gehörte nämlich, in Folge einer Menge vorgeschriebener, aber schwer zusammentreffender Bedingungen, zu den äußersten Seltenheiten. Juda, b. Tabbai fand keine Ruhe mehr alle seiie Lebzeit. Und an jedem Tage besuchte er die Grabstätte des Hingerichteten, streckte sich über sie hin in heißem Gebet, bis ihn der Tod von seinen Qualen erlöste. (Chagig. 16.) Eine andere Geschickte, aus der auch unsere heutigen Rassenfanatiker was lernen könnten- Der jugendliche Eleqsar b. Simon war von der Hochschule als bewunderter Gelehrter in seine Heimat zurückgekehrt. Cr machte nun einen Spazierritt am Ufer des Flusses, und stolze Gefühle über seine Erfolge schwellten ihm die Brust. Da begegnete ihm ein Mann von häßlichem Äußern und begrüßte ihn ehrfurchtsvoll. Er aber, sta doch dieser Mann so häßliches Gerät von seinem Tiere, mir! „Ich vergebe den Gruß zu erwidern, rief ihm höhnend zu: Wie häßlich st! Sind etwa alle deine Landsleute wie du? Ich weiß es nicht. entgegnete dieser, aber gehe zu meinem Schöpfer und halte ihm vor, warum er ein gemacht! Das traf. Eleasar erkannte seinen Fehl, stieg herab warf vor den Beleidigten sich hin und sprach flehend: 'Vergieb _ dir nicht, als bis du ut meinem Schöpfer gegangen und ihn zur Rede gestellt, warum er ein so häßlich Gerät geschaffen!" Mit diesen Worten ging der Häßliche weiter, der Gelehrte aber folgte ihm nach, immer um Verzeihung bittend, bis sie in die Stadt gekommen waren. Wie nun die Leute den Rabbi erblickten, riefen sie ihm zu: Friede mit dir. Lehrer, Meister! Wen nennet ihr so? fragte der Häßliche. Da zeigten sie auf seinen Begleiter. Dann möge es solcher nicht viele geben in Israel, versetzte er und erzählte den Hergang. Dennoch vergieb ihm, redeten sie ihm zu, denn er ist groß in der Lehre. Es sei denn, ich vergebe ihm, a^er er handle künftig anders. Alsbald ging Eleasar ins Lehrhaus ynd lehrte: Immer sei der Mensch weich wie ein Rohr und nicht hart wie eine Zeder." (Tanith 20.) *) ’) Wie in Eleasar b. Simon streng unparteiliche Gerechtigkeit und hervorragendes in* guisitorisches Geschick mit großer Milde und Weichheit des Herzens sich paarte, veranschaulicht eine andere Erzählung in Baba Mezia 83. Dieselbe wird in dem folgenden Bortrage ihre Stelle finden.