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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1904-04-01 · Heft 4 (1.4.1904) · p. Seite 75

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
23 (1903)
Issue
Heft 4 (1.4.1904)
Date
1904-04-01
Page
Seite 75 (sequence 5)
Language
German
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75 Schopenhauer erlebt haben, wissen, wie Recht der talmudische Denker hatte. Ist er nun etwa zu diesem gedankenschweren Spruch wie durch eine plötzliche Eingebung gelangt? Gewiß nicht. Wir haben es offenbar mit dem Ergebnis eines langen Nachdenkens zu tun, dessen einzelne Phasen uns nur nicht wie in der Halachischen Dialectik aufgezeigt werden. Es war ein Taucher, der uns eine Perle heraufgefischt: wir haben seinen Weg nicht geschaut, aber der Weg war deshalb doch gemacht worden *). Das, was wir Agada nennen, begreift aber noch ein Gebiet in sich, ein erzählendes. Es Kat teilweise einen historischen Charakter, teilweise aber ist der historische Kern mit einer dichterisch verklärenden Hülle umgeben. Dieses letztere Gebiet nun, meine Hochgeehrten, — die Erzählungen im Talmud — insoweit sie auch von hervorragend ethischem Werte sind, wollen wir in dieser Abendstunde ins Auge fassen. Es sind — um noch einmal auf unser Gleichnis zurückzukommen — die durch ihre reine Atmosphäre und ihre Fruchtbarkeit ausgezeichneten Inseln und Gestade, an denen die kühnen Segler zu landen pflegen, um die Erträgnisse ihrer Arbeit ins Leben einzuführen und in ihrer praktischen Verwertung schauen zu lassen. Diese Erzählungen sind gleichsam das Epos des Talmud. Sie zeigen uns seine ethischen Helden, diejenigen Charaktere, die ihm als Idealbilder für das sittliche Verhalten vorgeschwebt. Denn bloße Sentenzen geben, wie vortrefflich sie auch seien, doch nur J-deen, die ihrerseits nur mittelbar auf den Willen einwirken; als Ideale, die unmittelbar das Handeln bestimmen und zur Nachahmung antreiben, dienen wirkende Menschen, und die Hohe, in der ein Volk diese Ideale erblickt, ist ohne Frage das maßgebendste Kriterium für dessen sittliche Strebungen. Ich werde Ihnen ja, m. Hochg., ans der Fülle des einschlägigen Stoffes, um Sie nicht zu sehr zu ermüden, nur Einiges vorführen können; aber aus dem Wenigen schon werden Sie in der Lage sein, die falschen Vorstellungen zu berichtigen, die man in gewissen Kreisen über den Talmud zu verbreiten fort und fort beflissen ist. Fangen wir mit denjenigen Tugenden an. welche den allerersten Anforderungen an den sittlichen Menschen entsprechen. Wie denkt sich der Talmud den Ehrlichen und Redlichen? Er denkt sich ihn handelnd wie folgende Männer. Abba Saul b Botnit war ein Weinhändler. Um jeder Schädigung des Käufers zu entgehen, selbst derjenigen, welche durch das Schäumen des Getränks beim Messen entstehen könnte, füllte Abba Saul die Maßgefäße immer schon am Abend vorher. Aber auch die unvermeidliche 9k e i g e wollte er nicht für sich behalten. Er sammelte davon 300 Maß und brachte es den Tempelschatzmeistern für das Heiligtum. Obwohl man ihm das Anrecht darauf nicht bestritt, wollte er doch die in das Paradies eingetreien. R. Akiba war einer der Pier, und von ihm allein heißt es: „Er ist eingetreten in Frieden und heransgekommen in Frieden." (Ieruschalmi Chagiga 2 und and) sonst im Babli und Midraschim.) l) Man vgl. ferner Aboth V 19 und das s. und 9. Buch der Aicom. Eth. d. Aristo tel. namentlich IX. 1. Ist dort nicht Alles enthalten, was derPhilosoph lang und breit erörtert'?

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