Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1903)
- Date
- 1903-03-01
- Page
- Seite 65 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2969669-2969975-2969979--6868-2977535- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
65 bereits gerichtet. Heit der Zeit, wo das Ideal ausgesprochen wurde, und der Satz „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst" die Grundlage vieler Religionen wurde, sind wir seiner Verwirklichung ein bedeutendes Stück näher" gekommen. Ob allerdings die Menschen einmal aufhören werden, Menschen zu sein, mit menschlichen Trieben und Leidenschaften, das glaube ich nicht, denn selbst im heiligsten Frieden gibt es einen Kampf, einen großen und heiligen, den die Menschen kämpfen sollen zum Siege der Wahrheit. In diesem Kampfe hat ein jeder das Recht, sich zu stellen zu seiner Wahrheit. Groß ist der Kamps freilich nur so lange, als er der Wahrheit. und nicht dem Menschen gilt, als die Waffen entlehnt werden der Wahrheit selbst und nicht dem Hasse und dem Unfrieden. Als Gott den Menschen schuf, sagt ein talmudijcher Weiser, beriet er sich mit seinen Engeln. Der Engel der Wahrheit riet: Schaffe ihn nicht, denn er wird kein Verständnis für die Wahrheit haben und der Engel des Friedens riet ebenfalls: Schaffe ihn nicht, denn er wird staU des Pfluges das Schwert führen! Der Engel der Liebe aber sprach: Schaffe ihn o Herr, denn er wird Menschenliebe üben! Dieses Wort war entscheidend-vor Gottes Thron. Der heutige^Tag, diese Stunde, die wir feiern, ist ein rühmliches Zeugnis für den Engel der Menschenliebe. In unserer Mi!tte soll aber auch der Engel der Wahrheit und des Friedens weilen. Das wollen j wir nicht vergessen und dessen stets eingedenk sein. Es ist das Ziel der Menschheit und der Humanität, daß in unserem Vorwärtsschreiten, in unserem Tun und Wirken die Zeit heranreife, in welcher auch diese beiden Engel mit uns Freundschaft halten! Unter großer Bewegung seiner Zuhörerschaft hatte Herr Dr. Prager hie Festrede, an welche sich ein Gebet schloß, vollendet und es ergriff nunmehr das Wort Se. Excellenz d§r Herr Oberpräsident zu folgender Ansprache: Meine geehrten Damen und Herren! Ich stehe unter dem starken Eindruck dieser erhebenden, ethisch, und geistig bewegten Feier, unter dem Eindruck des Berichteten über die Erfolge dieser Gesellschaft in 100 Jahren. Wenn ich nach dem Vortrage des Hexrn Vorsitzenden die Zahlen der letzten Jahre mit Hundert multipliziere, so bekomme ich nach tausenden zählende Scharen, die ihre sittliche und ihre wirtschaftliche Existenz, den Zielen, den Arbeiten und den Unterstützungen dieser Gesellschaft in diesem Zeitraum verdankt haben. Das ist wirklich eine große Sache, die nicht bloß Sie berührt, nicht bloß diese Gesellschaft, auch nicht bloß Ihre Standes- und Religionsgemeinschaft, eine Sache die weit über diese Grenze hinaus reicht und die anzuerkennen auch meine Aufgabe und meine gern geübte Pflicht ist. Aber ich stehe auch unter dem Eindruck der Bedeutung der idealen Ziele, welche in dieser Gesellschaft bis auf den heutigen Tag geübt wurden. Sie ist entstanden in einer Zeit, welche die Grundlagen für eine ganz neue Weltentwicklung gelegt hat. Diese Grundlagen sind bis auf den heutigen Tag in mls wirksam, zweifellos in vielen Beziehungen auch nach unerwünschten Seiten hin.