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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1903-03-01 · Heft 3 (1.3.1903) · p. Seite 57

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
23 (1903)
Issue
Heft 3 (1.3.1903)
Date
1903-03-01
Page
Seite 57 (sequence 11)
Language
German
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57 Höheres, als Üben von Liebeswerken. Und diese Auffassung hat uns Israeliten von jeher geeint, sie hat uns zusammengehalten, indem sie jeden Einzelnen lehrte, sich als ein Mitglied der Gesamtheit zu fühlen, in der er mitleidet mit dem Leiden jedes Einzelnen, ^in der er lsiithilft, wo der Einzelne Hilfe braucht, und in der ihm mitgeholsen wird, wenn er apch noch so tief gesunken wäre, weil er ein Mitglied der Gesamtheit ist. Ja wir Können heute mit vollem Rechte sagen, wenn wir zu unserer Befriedigung sehen, daß ■ die Staaten und Städte es zu ihrer Aufgabe gemacht haben, ohne Unterschied |ber Konfession für die Pflege von Kranken zrrsorgen, indem sie ihre städtischen oder Staatsanstalten ihnen öffnen, wir können laut und beruhigt und freudig sagen: Sie haben nichts anderes getan, als was zur Zeit des zweiten Tempels damals jbie talmudische Weisheit zum Gesetz gemacht hat, die da lehrte: Man hht die Verpflichtung, die Kranken der Israeliten mit den Kranken der Nichtisraeliten zu pflegen, man hat die Verpflichtung, die Toten der Israeliten mit den Toten der Nichtisraeliten zu begraben, man hat die Berpflichtung, die trauernden Israeliten mit den trauernden Nichtisraeliten zu trösten.Die Menschenpflicht und Bürgerpflicht, ohne Unterschied des Glaubens, den Leidenden beizustehen, war ein talmuchsches Gesetz, das da stammt aus der Zeit, wv die Israeliten noch allein standen niit ihrer Gottesverehrnng. Wenn wir gemilluth chassodim üben, so erlösen wir uns. Es ist wie eine Schekelsteuer, es ist wie ein Opfer, es ist wie das Ausbauen eines Stiflszelts, denn was sollte das ganze Stiftszelt sein: Eine Stätte, in der Gott wol^nt, und solches Wohnen Gottes können wir Israeliten bezeichnen mit dem Wort der Schechina: Das ist, die auf Erden sich offenbarende Majestät Gottes, sie ist darum ein Liebes- und Gutes-Tnn. Da sieht man ihn nicht, da hört man i^n nicht, da setzt man ihm keine Bildsäulen und keine Tempel, aber man erhält Menschen, seine Geschöpfe, und so wichtig ist das Erhalten auch nur eines einzigen Menschen, daß der talmudische Satz darüber lautet: hamekajem ndescli aclias myisroel. Wer auch nur einen Menschen am Leben erhalten hat kdlu kijem aulom mol<v) der hat eine bleibende Arbeit getan. Den Wert, die Bedeutung des Individuums in der Massenhaftigkeit der Erscheinung ans dieser Welt hat das Judentum von keiner Stelle aus erst lernen müssen, das ist in diesem Satze aufs deutlichste ausgeprägt, das ist durch die Schekelsteuer bis zum Verständnis für das Kind zum Ausdruck gebracht: Wer Schekel gibt, wer sich bekennt als Mitglied der Gesamtheit, dem soll die Erlösung zu Teil werden. Nun meine Teuren, wir können uoljl jetzt sagen: bechesed wecmeth jediupar owon. Durch wahrhafte Liebestätigkeit wird die Sünde gesühnt. II. Wer aber hätte hie Liebestütigkeit mehr nötig, wie die Kranken! Seht, der Kranke kann nicht mehr die Welt anschauen und genießen, er ist gewissermaßen l) Gittin bekl., Fos. 61a. Hamburger a. a. C. 3. 237. */ Baba bathra, gol. 11a.

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