Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1903)
- Date
- 1903-03-01
- Page
- Seite 51 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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51 Zur Zeit, als die Juden aus Spanien vertrieben wurden und viele, mn sich vor diesem Schicksal zu schützen, sich dem Bekenntnis des Landes anschloffen, kam der Fall vor, daß nur das Lesen der heiligen Schrift einen Sprößling ehemaliger Israeliten für das Judentum begeisterte und ihn bestimmte, Spanien zu verlassen und ein Land aufzusuchen, in welchem die Juden ihrem Glauben frei leben konnten. Wie groß aber war sein Erstaunen und sein Erschrecken, als er nach der Überwindung großer Gefahren wieder ein Genosse des alten Glaubens wurde und die Thora des Moses vergleichen konnte mit dem religiösen Leben seiner Genossen, und der ursprüngliche Kern vor den vielen Schalen gar nicht wiederzuerkennen war! Es ist zweifellos gut, einen Zaun um einen blühenden Garten zu errichten, daß die prächtigen Beete nicht zertreten werden, aber wenn die Mauern gar zu hoch sich erheben, dann kann die Sonne nicht hineinstrahlen, und der dumpfe und lichtlose Garten geht zu Grunde; ist dann der schuld, der den Rat erteilt: Errichtet einen Zaun um den Garten? Nein, der verschuldet das Übel, der den verständigen Rat unverständig ausgeführt hat. Selbst die alten Lehrer des Talmud, die doch selbst soviel dazu getan haben, um die Last des Gesetzes zu mehren, haben nicht in den Einzelheiten der religiösen Übung der Religion gefunden, sondern zu dem Kapitel an der Spitze des dieswöchentlichen Schristabschnittes lesen wir die Bemerkung des Talmuds) „Wer zürn Götzendienst sich bekennt, der hat die ganze Thora geleugnet, wer aber die Götzen leugnet, der hat sich zur ganzen Thora bekannt." So hat selbst der Talmud den nur nebensächlichen Wert der Satzung erkannt, die wesentlich auf ihm beruht. Wie viele aber selbst in unserer Zeit sind talmudischer, als der Talmud und wenden die ehrwürdigste Bezeichnung: „Gotteswort" aus Satzungen an, die ihren ' menschlichen und vergänglichen Eharakter deutlich, man möchte sagen unverkennbar, an der Stirn tragen. Ter Prophet Hesekiel tadelt einmal die Priester und Propheten in den heftigsten Ausdrücken und macht sie vor allem verantwortlich für das Unheil, das über die Juden hereinbrach: an dieser Stelle klagt er. daß sie die Thora vergewaltigen, daß sie zwischen Heiligem und Unheiligem nicht unterscheiden, daß die Propheten Trug übertünchen, sie sagen: „So spricht der ewige Gott, und Gott hat gar nicht geredet"?) — Gibt es etwas Heiligeres, als Gotteswort, und gibt es darum etwas Heilloseres, als ein Menschenwort ein göttliches zu nennen? Man findet in den Lehrbüchern unserer Religion einen Ausdruck: „Satzung, dem Moseh am Sinai geworden." Das soll soviel heißen, als uralte, ehrwürdige Satzung? so wurde selbst in dunklen Jahrhunderten von Hellen Köpfen das Wort ') Kidd. 40 a u. 0. — -) 22*2«.