Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1903)
- Date
- 1903-02-01
- Page
- Seite 39 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2969975-2969978--6837-2977503- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
39 Zweierlei Leidtragende scharen sich um seinen Sarg: sichtbare und unsichtbare. Eine Gattin, eine Tochter, zwei Söhne, die Übermenschliches geleistet, um daS Erleben und Erfahren ihm zugänglich zu machen, den Zusammenhang mit Außendingen und Ereignissen für ihi^ herzustellen und die Schöpfungskraft seines erlesenen Geistes für die Welt zu erhalten. Eine überaus zärtliche, aufopfernde Gattin, eine feinfühlige, selbstverleugnende Tochter, der hier weilende Sohn, welcher die erprobte ärztliche Kunst mit rührendster kindlicher Sorgfalt verband, um, mit den anderen Lieben wetteifernd, sein Leiden zu lindern, sein Leben zu verlängern. Auch unsichtbare Genien umschweben trauerumflort diese Bahre: die seelenvolle Poesie, die weltweise Erkenntnis und weltumfassende Menschlichkeit. Doch alle Seufzer übertönte ein zuversi^terweckendes Psalmwort: „Du, o Gott, zündest mir nun ein neues Licht an. der Ewige wird mir auch erhellen die Grabesnacht." Monatsschau. Im Mendelssohn-Verein in Elberfeld sprach jüngst Herr Rabbiner Dr. Ackermann aus Brandenburg über das Thema „Judentum und Christentum". Ausgehend von den Angriffen der Judenfeinde, die auch die jüdische Lehre in den Bereich ihres Kampfgebietes ziehen, kam Redner auf die jüngsten Bemühungen der Wiffenschaft zu sprechen, die darauf ausgehen, den historischen Zusammenhang des Judentums mit dem Christentum zu lockern und dem alten Satze, das Christentum bedeute die Vollendung des Judentums, neue Nahrung zu geben. Redner stellte in gemeinverständlicher Weise die Hauptmomente zusammen auf die es in dieser Frage ankommt. Er gab einen kurzen Überblick über das Wesen und den Inhalt der Evangelien und führte an der Hand einer eingehenden Betrachtung der rechten pharisäischen Lehre den schlagenden Nachweis, daß der Gegensatz zwischen der Lehre Christi und der der Pharisäer nur ein künstlich konstruierter ist, daß in Wahrheit aber die ursprüngliche christliche Lehre eine jüdische gewesen sei. Interessante Schlaglichter warf Redner auf die leichtfertige wissenschaftliche Tendenz eines Harnack und anderer neuerer Historiker. Mit einer Zeichnung des wahren Bemfes der christlichen Lehre und einem warmen Appell an die Zuhörer, trotz aller Ungerechtigkeit, die uns widerfährt, getreulich auszuharren, schloß der Redner seinen Vortrag. — Aus Herlin wird berichtet: Frl. Irene Gritsch veranstaltete eine Bibelvorlesung im Vereine mit dem Rezitator Macell Salzer. Sie erschien in einem weißen biblischen Gewände und glich selbst jener Tochter Jerusalems aus dem Hohen Liede, deren Liebesklage sie mit hinreißender Leidenschaft vortrug. Dann las sie das Buch Ruth mit solcher Wärme und Innigkeit.des Ausdrucks, daß die Zuhörer die schlichte und rührende Poesie dieser altteflamentarischen Dichtung tief empfanden. Mit dem Psalm 137, dem Jammerlied der gefangenen Juden,