Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1903)
- Date
- 1903-02-01
- Page
- Seite 33 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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33 i -1 Stillstand und JortschritL. Herr Dr. Jelski Prediger an der jüdischen Reformgemeinde zu Berlin hat in einer unter dieser Überschrift hcransgegebene» Predigt anknüpfend au die Worte der heiligen Schrift „So wie sie lagern sollen sie auch aufbrechen" (4. M. Cap. 2, B- 17) Folgendes ausc esprochen, was weiter verbreitet zu werden verdient: Wenn Gebete bübehalte» werde», die der Empfindung und Gesinnung nicht entsprechen oder ihr gar widersprechen, so ist das ein Stillstand der keinerlei Berechtigung hat, weil er das Prinzip der Wahrhaftigkeit verletzt; mag daS Überlieferte noch so heilig fein, das Allerheiligste ist und bleibt die Wahrheit. Wie kann ich um die Wiederherstellung des alten Tempels und Opferdienstes beten, wenn ich nicht glaube, daß Gott auf Zion allein thront und nicht glaube, daß er mein Opfer braucht? Wie kann ich mit wahrhaftem Sinne beten: führe uns zurück in das Land der Verheißung, wenn ich nicht glaube, daß dies möglich oder wenn ich es gar nicht einmal! wünsche, wenn ich selbst im Falle der Erfüllung vorzichr' würde, im angestammte» Vaterlande zu verbleiben d Wie kann ich ein Sünden-N bekenntnis oblegen, das sich im Entferntesten nicht deckt mit dem, was ich wirklich gefehlt? Oder wie kann ich überhaupt aufrichtig beten in einer Sprache, die ich nicht verstehe? Entweder muß man dahin ivirken, daß Alle der heiligen Sprache wieder kundig iverden oder sie durch die ebenso heilige Muttersprache ersetzen, ein drittes gibt es nicht. Daß datz erste nicht gut möglich, selbst wenn die zionistischen und hebraistischen Bestrebungen' noch weiter um sich greifen, liegt für den Kenner der Verhältnisse auf der Habt». Schon der Zug der Zeit ist gegen alte Sprachen gerichtet, weil die Erlernung der neuen in den Vordergrund gerückt ist; auch' ist eine Sprache nicht an und für sich heilig, sondern nur das, was in ihr ausgesprochen ist- Wenn man aber durch Beibehaltung des Hebräischen den Meisten das Berständnis dessen versperrt, »vorauf es ankommt, tvcnn man dadurch ihr Gebet zu einem Lippenwerk macht, dann hat man wohl die Tradition gewahrt, aber gegen die Wahrhaftigkeit verstoßen. Denn beten und nicht wissen; was man betet» ist ein ungeheuerlicher Widerspruch. Ja, wir gehen noch weiter: wir würden selbst in dem Falle, daß die Kenntnis des Hebräischen eine bessere und gründlichere werden könnte, dennoch die Muttersprache vorziehen, denn so nahe und vertraut, so unmittelbar zu Herzen dringend, kann keine fremde uns werden, auch die heilige nicht; wenn wir in dieser den Propheten gleichen, mit denen Gott nur in Bildern und Rätseln ' gesprochen hat, so gleichest wir in jener dem Mose selber, der mit Gott von Mund zu Mund und von Angesicht zu Angesicht geredet. Aber die Tradition kann nicht nur mit der Wahrhaftigkeit. sonder« auch mit der Heilsamkeit in Konflikt kommen. Das zeigt sich besonders bei jener Frage,