Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1903)
- Date
- 1903-02-01
- Page
- Seite 30 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 30 -H tun, Pharisäer, die ihre Demut öffentlich zur Schau tragen, Pharisäer, die mit halbgeschlossenen Augen gehen, um nicht die gute Sitte zu verletzen und möglicher Weise ein Weib anzuscharen, Pharisäer, die immer i» gekrümmter Haltung einhergehen, wie ein umgestürzter Mörser, Pharisäer, die, wenn sie getreulich ihre Pflichten geübt haben, immer den einen Refrain wiederholen: „Was gibt es noch z» tun?", Pharisäer, die aus Furcht vor göttlicher Strafe: das Gesetz erfüllen. Aber der Mißbrauch, der mit einer gu^en Sache getrieben werden kann, macht die gute Sache nicht schlecht- Die Frömmigkeit hört nicht ans, eine Tugend zu sein, weil Frömmelei sind Scheinheiligkeit den Tugendmantel um ihre Blöße hüllt. Pharisäer, das wiffen wir, waren die Männer, die wir als die großen und edlen Lehrer des Judentums feiern, Pharisäer wären die Säulen des Talmud und die Erhalter des Judentums, waren Hillel und Rabbi Akiba. Pharisäisch war der fromme, pflichtgetreue Teil des Volkes gesinnt. Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus, der zur Zeit des Untergangs des zweiten jüdischen Tempels um das Jahr 70 n. d. g Z. blühte, hat uns eine eingehende Darstellung des Unterschiedes zwischen Pharisäern und Sadduzäern hinterlassen. Aber all die kleinen Schulstreitigkeiten in Betreff der Vergeltungslehre, der Auferstehungslehre, der Leljre von der menschlichen Willensfreiheit u. s. w. eröffnen uns keinen so klaren Einblick in das innere Wesen ihres Gegensatzes, wie der eine Hauptdifferenzpunkt, daß di : Sadduzäer Gegner der mündlichen Lehre gewesen seien es war ihnen bequemer, ebener Erde als im zweiten Stockwerk zu wohnen. Noch charakteristischer für die Unterscheidung beider abet ist die Nachricht des Josephus, daß die Reichsten und Vornehmsten im Volke Sadduzäer gewesen seien. Also die Sadduzäer wollten von dem neuen, engen Mantel, in den sich das Judentum nach den Makkabäerkämpfen hüllte, nichts wissen, die Sadduzäer waren Feinde der Absperrung des Judentums, und sie waren es, die ihren Gegnern den Namen Pharisäer, das heißt „Sich Absondernde" gaben; und die Sadduzäer waren zu gleicher Zeit die besitzende Klasse, die vermöge ihr^s Reichtums und ihrer sozialen Stellung in vielfache Berührung mit der nichtjüdischen Welt kam. Das läßt auf den Gedanken konimen, daß!es auch in dieser Zeit der Hochflut jüdisch-nationalen Partikularismus eine weniger pärtikularisch gesinnte Partei gab, und daß wir — nach Hinwegnahme aller kleinlichen, dogmatischen Verschiedenheiten im Grunde wieder den alten durch die ganze Geseichte sich hinziehenden Gegensatz zwischen Universalismus und Partikularismus, zwischen Assimilation und Isolierung vor uns haben. Wenn in der Gegenwart ein kurzsichtiger Beobachter nach den Differenzpunkten der heutigen Parteien im Judentum gefragt würde, so würde er vielleicht antworten : die Orthodoxen glauben an den > Schstlchan Aruch, den die Reformer verwerfen, die Orthodoxest verwerfen Orgel und deutsche Gebete, die die Reformer eingeführt haben, die Orthodoxen glauben an einest persönlichen Messias, während!