Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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7 Ein Rechtsgesetz sei für euch, für den Fremden wie für den Einheimischen;' und deren anderer der Hauptsatz der jüdischen Litt entehre ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, wie der Eingeborene unter euch sei euch der Fremd« ling und du sollst ihn lieben wie dich selbst!" Es wären sonst hier anzuführen gewesen zahllose herrliche Stellen aus dem Psalmbuch und den Sprüchen Salomons, aus Gokelet und Hiob, aus fast allen biblischen Büchern. Wenn ein unbefangener, vorurteilsfreier Leser oder Forscher alle diese in Betracht kommenden Stellen der Bibel prüft, um auf Grund dieser Prüfung sein Urteil abzugeben, ob der Geist des Partikularismus oder der Geist des Universalismus aus den Blättern dieser ältesten Urkunde Israels weht, so wird sein Urteil lauten müssen: Ich sehe einen doppelten Geist in diesen alten Blättern walten, ich höre eine doppelte Stimme reden. Sehe ich die Gesetze der Absonderung von fremden Völkern, die Israel geboten wurden, sehe ich, wie das Gesetz Moses sich lediglich an das Volt Israel wendet, sehe ich den weitverzweigten Kultus, das Ceremonialgesetz, so ist mir's als zeigt das Antlitz des biblischen Judentums einen nationalen Zug. — Sehe ich dann aber das erhabene, alle Menschen umfassende Sittengesetz, sehe ich die biblische Weltanschauung, die Lehre von einem Gotte und einer Menschheit, sehe ich den Prophetismus, die herrlichste Blüte am Baume des biblischen Judentums, sehe ich, wie die Bibel selbst an vielen Stellen die Absonderung und Besonderheit Israels nur alsDnrchgangspunkt ansieht zur höchsten Menschlichkeit, sehe ich, wie die Abstammung von einem Menschen oder der Ausgangspunkt und die Vereinigung aller Volker zu einem messianischen Friedensbunde das Endziel der Bibel ist, dann ist mir's wieder, als zeigte das Antlitz des biblischen Judentums einen universellen Zug. In Wirklichkeit aber trägt das Judentum der biblischen Zeit beide Züge, einen parlikularistischen und einen universalistischen. Ter Partikularismus prägt sich aus in den nationalen Gesetzen und Institutionen, der Universalismus prägt sich aus in den religiösen und ethischen Lehren und Gedanken, der Partikularismus war notwendig zur Erhaltung der jüdischen Individualität, der Universalismus war notwendig zur Schöpfung des Gedankens der Menschheit. So trug das Judentum schon in der ersten Periode seiner Geschichte, als es sich frei und ursprünglich aus eigener Quellkraft entwickelte, die beiden Keime und Triebe seiner späteren Entwicklung in sich. Noch ehe es mit den großen Völkerkulturen in Berührung kam, waren in ihm die beiden Elemente seines geschichtlichen Wesens vorhanden, das universalistische Element, das das Judentum befähigte zur Aufnahme des Fremden, zum großartigen Anschluß an alle Kulturen, zur Erzeugung weltgeschichtlicher Bewegungen, und das partikulariftische Element, das dem Judentum seine unverwischbare Eigenart ausprägte und das es erhielt im Sturm und Drang der Weltgeschichte.