Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1894-12-01 · Heft 12 (1.12.1894) · p. Seite 277

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 12 (1.12.1894)
Date
1894-12-01
Page
Seite 277 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2969669-2969961-2969974--4332-2977438
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ob Hasen überhaupt existiren. Wie sie sich um den Einzelnen nicht kümmert, so auch nicht um die Gesamtheit. Wie nicht um das Jndividium, so auch nicht um die Gattung. In der Natur gibt es keine Bevorzugung und keine Zurücksetzung, keine Liebe und keinen Haß. Die zweite Voraussetzung, daß der Mensch Selbstzweck sei, fällt damit. Ist er ein bloßes Geschöpf der Natur, dann muß er um sein Leben kämpfen, muß sich gegen Angriffe der organischen sowie der unorganischen Gebilde verteidigen, er muß sich zu erhalten suchen. Hört er auf, es zu thun, stirbt die Gattung Mensch wie der Einzelne. Die Natur wird ihm keine Thräne nachweinen. Ferner. Bei dem regel- und gesetzmäßigen Schaffen der' Natur, bei der strikten Gerechtigkeit, die in ihr waltet, bei der gleichen Liebe oder Unliebe ihren Geschöpfen gegenüber, entsteht die Frage: Warum soll der Mensch gerade Selbstzweck sein, warum nicht auch das Tier, die Pflanze, der Stein. Die Behauptung, daß die Pflanze keinen Selbstzweck haben könne, sie existire nur, damit sie dem Tiere und dem Menschen diene, ist offenbar falsch. Es mag tausende von Pflanzenarten geben, die weder dem einen noch dem anderen dienen, überhaupt zu nichts zu gebrauchen sind. Es gibt andere Pflanzen, die Mensch und Tier in - gleicher Weise schädlich sind. Auch ist die Meinung nicht ganz abzuweisen, daß viele Pflanzen u. s. w. an deren Gebrauch sich die Menschen gewöhnt haben, ihre Verwendung nur darum finden, weil sie vorrätig sind. Wären sie es nicht, wir könnten sie entbehren. Abgesehen von den nötige» Nahrungsmitteln könnte all das wegfallen, was nur dem Genüsse dient. Nicht die Not hat den Menschen dazu geführt sich ein leckeres Mahl zu schassen, die gesuchtesten Speisen und Getränke auf den Tisch zu bringen, sondern teils die in ihm liegende», „nicht edelsten Triebe", teils und vorzüglich, weil es in der Natur eine solche Fülle von Pflanzen und Tieren gibt, daß er sie sich ohne viel zu fragen zum eigenen Nutzen und zum Genuß aneignete. Der Mensch machte da einfach das Recht des Stärkeren geltend. Wäre jene Pflanze nicht, eine -geheime, unbewußte Sehnsucht nach ihr bestände nicht. Mit demselben Rechte — und dieses Recht ist, ivie gezeigt, hinfällig — mit dem das Mensche»g«schlecht für sich einen Selbstzweck beansprucht, könnte man jedem Tier, jeder Pflanze, Selbstzweck beilegen. Wie jenes keimt, geboren tvird, sich entfaltet, seine Blüte- und Absterbezeit hat, zwischen Geburt und Tod dem Triebe folgt, sich fvrtpflanzt und Nachkommenschaft hinterläßt, so auch diese. Auch die Pflanze schmückt sich zur Blütezeit für sich selbst, beileibe nicht für andere, nicht für den Menschen. Sie kann Selbstzweck, wie er, beanspruchen. Trotzdenl wird das im Ernste niemand behaupten wollen. Wir können über die Erfahrung nicht hinweg. Wir vermögen uns der Thatsache nicht zu verschließen, daß die Pflanze doch deni Tiere, beide der Menschenweltststenen, Nicht Genuß-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.