Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1894)
- Date
- 1894-12-01
- Page
- Seite 274 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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•274 Das Judentum, das den Grundsatz ausgesprochen, das; die Ethischlcbenden die Gute» und Edlen aller Bekenntnisse der ewigen Seligkeit teilhaftig werden, hat — wir dürfen eS mit Stolz anssprechen — von solcher Verirrung sich frei gehalten. Das Judentum hat keinen andern Maßstab für die Beurteilung der Menschen, als die sittliche That, das sittliche Leben, das ethische Handeln. In der Stunde der Rechenschaft stellt der himmlische Weltcnrichter an den vor seinen Richterstuhl Tretenden, nach einem Worte der jüdischen Weisen, das im Talmud verzeichnet ist, vor Allem die Frage, nicht nach dem, was er geglaubt, sondern wie er gehandelt: Warst du redlich im Verkehre mit deinen Mitmenschen? So erscheint auch uns darum als das höchste die ethische Cnltnr. Darum begrüßen wir denn diese Bewegung, mag sie uns auch Manches noch zu wünschen übrig lassen, .als das Anzeichen eines Bessern, als die Lichtsaat, zu der das Judentum die Lichtkörner seit Urbeginn hat ausgcstrent, als die Morgenröte eines neuen, schönen Tages, der bald heranbrechen möge zum Heile der Menschheit zum Heile Israels. Amen! Theismus und Waturforfchung in ihrem Verhältnis zur Teleologie. , Von Rabbiner Dr. I. Stier, Berlin. (Fortsetzung.); b) Der Selbstzwecf. Eine andere Erwägung könnte eine andere Art der Teleologie aufstellen. Sie bestände im Sinne des Materialisten, in der Behauptung: alles Seiende sei zum Zwecke des Menschen geschaffen, der Mensch aber sei Selbstzweck. Es ist das ein Teil der s. g. anthropologischen Teleologie, Dem Menschen diene alles, er aber nur sich selbst. In der Erscheinnngswelt bilde er die höchste Stufe der Entwicklung, mit ihm wäre sic abgeschlossen. Eine Entwicklung gebe es nur in dem Menschen selber. Nicht in dem Sinne, daß er aus sich ein anderes, von ihm abgesondertes schaffe, sondern seine inneren Kräfte, Fähigkeiten und Anlagen entwickeln sich. Durch diese Entwicklung wird er immer besser, vollkommener an Geist wie an Körper. So bestechend diese Annahme scheint, schon darum, weil sie der Eigenliebe des Menschen schmeichelt, so unhaltbar zeigt sic sich bei genauer Betrachtung. Sie ist es darum, weil der Materialismus die Bevorzugung des Menschen vor anderen Lebewesen nicht Dnnehmen darf. Der Mensch ist ihm ein Glied in der Reihe der Daseinswesen, wie diese aus dem Walten der schaffenden Natur