Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1894)
- Date
- 1894-11-01
- Page
- Seite 255 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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I — 255 — welche zuweilen an die frohen Feiern dieses Volkes in alttestamentlicher Zeit erinnern. Fröhliche Lieder und Psalmen werden angestimmt. Der frohe Festreigen wird getanzt. Die trauten Klänge Davidischer Psalmen, die einst in dieser Stadt vor Jahrtausenden in heiliger Begeisterung angesichts des hehren Tempels gesungen wurden, erklingen wieder, und ihre Melodien Hallen wieder von den alten Mauern Jerusalems und schallen fröhlich hinunter ins stille Felsenthal Gehinnom und hinüber zum tief einges^chnittenen Kidron. Nach etwa einer halben Stunde zieht das Volk geführt von seinen Rabbinern weiter und hinab ins Thal und wieder am Oelberg hinan, um die geliebten Bücher zu begraben. lind es ist ein eigentümlich wehmütiger Anblick, Israel da hinunter ziehen zu sehen mit dem köstlichsten was ihnen anvertraut ist, den Büchern ihrer Offenbarungen, um sie in der Erde zu vergraben. Und dieser Anblick wird um so wirkungsvoller, wenn man die Orte ansieht, die ringsum auf diesen eigentümlichen Zug herabschauen. Da droben steht über ihnen der alte Tempelplatz, der Preis und der Stolz ihrer Väter — nunmehr zu einer muhammedanischen Moschee verwandelt. Dort ragt an der Südostecke der Stadt, ihnen gerade gegenüber, der letzte Rest der uralten Mauern Jerusalems mit seinen uralten Quadern empor — an derselben Stelle wo einst die „Zinne des Tempels" stand. Dort droben ist das heilige Zion, einst „die Wohnung Gottes." Und zu ihren Füßen rauscht der Kidron. Am Grabe angekommen, nimmt die Menge im weiten Umkreise Aufstellung, die Rabbiner in ihren Talith in erster Reihe stehend. Reden und Predigten werden gehalten, in welchen das Volk zur Buße und zum Gebet und zur Wertschätzung der teueren Offenbarungsschristen ermahnt wird, deren hinsterbende Hüllen hier zu Grabe gebracht werden. Die altheiligen Worte klingen an ihr Ohr, die schönen Bilder aus vergangenen Tagen ihres Volkes und Landes treten vor ihr inneres Auge. Sie fühlen sich wieder als die unglücklichen Kinder des Volkes, das einst in diesem Lande bessere Tage gesehen, dessen Könige einst da droben aus Zion geherrscht. Sie empfinden den Zorn Jehovahs, der sein Volk um seiner Sünden willen verlassen, der das Schreckliche zugegeben, daß Heiden seinen heiligen Tempel zertreten und das Zeichen des Halbmondes über der geweihten Stätte des Brandopferaltars von der Kuppel! der Omarmoschee aus Jerusalem herniederschaut. Im Geiste sehen sie den Tempelbrand, die heiligen Hallen zerstört, die Altäre zerbrochen— —. Und so geschieht es nicht selten, daß die anfangs so fröhliche Feier mit allgemeinen Wehklagen nnd bitteren Thränen des Volkes Israels schließt, das gegenüber den Trümmern und Schutthaufen seines einst auf jener Höhe strahlenden Tempels weint. Zuweilen wird diese Prozession unternommen, auch wenn die Vorratskammern der antiquierten Schriften noch nicht ganz gefüllt sind. Das geschieht bei allgemeinen Heimsuchungen des Landes, bei Regenlosigkeit. Hungersnot, Heuschrecken-