Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1894)
- Date
- 1894-11-01
- Page
- Seite 254 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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254 werden sie alsdann nach der großen Synagoge der spanischen Juden, der Sefardin gebracht, wo sich in einem besonders hiefür bestimmten Lagerraum alle die vielen alten Schriften aus den verschiedenen Synagogen ansammeln. Natürlich muß dann ein Zeitpunkt eintreten, wo auch dieser Hauptsammelplatz angefüllt wird. Und dann findet die in Frage stehende große feierliche Bestattug des ganzen großen Vorrats von Schriften statt, welche gleichfals als die Feierlichkeit der Genisa bezeichnet wird. Früher, als die Juden in Jerusalem noch weniger zahlreich waren als heute, geschah dies alle sieben Jahre. In neuerer Zeit, wo die Zahl der Juden in Jerusalem so außerordentlich bis auf fünfzigtausend gewachsen ist, muß die Genisä natürlich häufiger stattfinden, je nach Bedürfnis wohl jedes Jahr einmal. Früher befand sich das hiefür bestimmte Grab im Thale Josaphat, wo die Juden ihre Toten begraben und nach jener Stelle im Propheten Joel den Anfang der Auferstehung am jüngsten Tage erwarten. Es war ein Felsengrab, in hoher Felswand befand sich des Grabes niedrige Thür, welche mit einem hiefür behauenen Stein verschlossen werden konnte. Da aber aus diesen! Grabe, welches in nächster Nähe des sogenannten Grabes Absaloms lag, inehrmals anscheinend von Pilgern alte heilige Schriften entwendet wurden, so wurde dasselbe für immer geschlossen. Heutzutage wird jedesmal ein besonderes Grab für die angesammelten Schriften bereitet. Meist ist es ein unterirdisches Gewölbe auf dem großen Begräbnisplatz der Juden im Osten der Stadt, welcher sich von der Thalsohle des Kidronthales den Oelberg hinauf zieht, etwa dem Wege nach Bethanien folgend. Wie geht es nun bei diesem Begräbnis zu? Wenn die nötige Menge von Schriften beisammen ist, so wird rechtzeitig der Tag der Genisä angesagt, welcher von allen Juden als ein heiliger Festtag gefeiert wird. Schon am frühen Morgen versammeln sich dann die Juden in ihren zahlreichen Synagogen. Das ganze große Judenquartier ist auf den Beinen und in festlicher Erregung. In Scharen wandern sie zu ihren Synagogen. Von dort ziehen sie in Gruppen hinaus zum Zionsthor, wo allgemeiner,Sammelplatz ist. Etwa um 10 Uhr vormittags kommen alle Rabbiner und Aeltesten der Stadt in die Hauptsynagoge. Jeder Rabbiner nimmt dann von den aufgestapelten Schriften wenn möglich eine der besonders wert gehaltenen, in irdenen Gefäßen befindlichen alten Pentateuchrollen, um sie als köstliche Last in der großen Prozession zu ihrem Grabe zu tragen. Die beste und wertvollste der Pentatcuchrollen wird wie ein Kleinod unter einem prachtvollen seidenen Baldachin hinausgetragen. Hinter den Rabbinern folgen dann die Träger und das Volk mit den umfangreichen und zahlreichen Säcken, Körben, Packeten antiquierter heiliger Schriften beladen. Dem feierlichen Zuge, der sich durch die Straßen Jerusalems bewegt, zieht voran eine Abteilung türkischen Militärs und ein Mnsikchor. Vor dem Zionsthor auf einem geräumigen Platze wird Halt gemacht. Hier ergeht sich das Volk in allerlei Festfreuden und Belustigungen,