Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1894)
- Date
- 1894-11-01
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969961-2969973--4304-2977409- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
250 fröhliche Umzug mit den Thorarollen im Arme seinen guten tieferen Sinn. Aber wenn dieselben, die den inneren Geist und den wahren Inhalt der Thora gar nicht kennen, denen das erhabene Schrifttum unserer Weisen ein Fremdes und Unnützes ist, denen die jüdische Wissenschaft, die Licht verbreitet und Erkenntnis hervorgrabt, verhaßt ist, daß sie, anstatt deren Lehrer und Pfleger, wie das bei unseren Vätern war, zu ehren und zu stützen, verfolgen und zurücksetzen, nun was wolleir die eigentlich heute mit der Thora in der Hand? Wollen sie etwa vor der schaulustigen Menge ein Spiel mit ihr treiben? Was ist denn, wenn einmal die Herzen und Geister der Wahrheit entfremdet sind, wenn nicht die Männer des Wissens darüber entscheiden, was Judentum ist und was nicht, was ist denn in eitler Zeit, die die Achtung vor der Gelehrsamkeit gänzlich verloren hat, noch die Freude an der Thora? Heißt das wirklich die Thora verherrlichen, wenn man da pergamentne Rollen, in Sammt gehüllt und mit Glöcklein behängen herumträgt, währenddem man sich bemüht, dem Judentum eine veraltete zerrissene Gewandung aufzunötigen, in der lächerlichsten Verunstaltung es darzustellen, den Ungeschmack mit ihm zu verbinden, um da die Herzen abzustoßen, und dort die rohen Geinüter an sich zu ziehen. Die den Tanz mit den pergamentnen Schristrollen anfführen, deren erhabenen Geist sie gar nicht kennen und kennen wollen, die thun eigentlich nicht viel weniger als jene Israeliten, die, da sie Gott nicht sehen konnten, sich einen sichtbaren goldenen Götzerl aufstellten, den sic mit ihren lärmenden Tänzen umgaben. Das ist wahrlich nicht die Art, wie wir die Thora ehren und verherrlichen sollen. Wenn wir uns freuen mit der Lehre, die unser heiliges kostbares Erbe seit Jahrtausenden ist, so soll diese Freude keine leere, keine gemachte, sondern eine wahre und innere Freude sein, die aus dem Bewußtsein erfließt, daß wir unsere Erkenntnis in ihr vermehrt, daß wir unser Herz an ihr für alles Gute und Edle erwärint haben. Das ist eine Freude, die für uns einen Sinn hat und vor Gott wohlgefällig ist. Mögen wir wohl auch, so wie es bei unseren Vorfahren in Palästina rmd Nordafrika Sitte gewesen, wie dies auch nach den Berichten des Reisenden Benjamin v. Tudela, des Schriftgelehrten Ahron Halevi u. A. bis in das 12. Jahrhundert hinab gehalten wurde, erst immer nach drei Jahren die Lesung der Thora beenden, also in größeren Zwischenräumen unser Simchat-Thora feiern, wir brauchen darum nicht zrr meinen, daß es bei uns schlechter mit der Achtung der jüdischen Wissenschaft, mit der Freude an der Lehre stehe. Unsere Aufgabe wäre es aber, nachdem wir die trockene. saftlose Schals von dem köstlichen Kerne des Judentums losgelöst, eben umsomehr seine innere Geistesmacht zu stützen, seine erhabene Wissenschaft zu fördern, selbst gerne ihre Lehren zu vernehmen, ihre Gebiete zu bebauen oder, wenn wir dies nicht vermögen, andere, die sich mit Liebe und Eifer ihr hingeben, dazu durch unsere wirksame Teilnahme und Anerkennung zu ermutigen. Daran fehlt es noch,