Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1894)
- Date
- 1894-11-01
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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248 organisches entstehen konnte. Es heißt, zmnal für den Naturforscher, alle Gesetze gesunden Denkens auf den Kopf stellen, aus irgend etwas ei» solches entstehen lassen, zu dem es weder den Keim, noch die Anlage in sich birgt. Der Theologe darf annehmen, daß in totes Gebein Leben fährt. Er nimmt eine außerhalb der Gebeine wirkende Kraft an, die das Leben bewerkstelligt. Der Naturforscher darf das nicht. Ihm darf aus dem absolut Toten kein Leben entstehen, aus der Materie kein Geist. Nimmt er es dennoch an, widerspricht er sich selbst. Ist das Uratoin Materie, kann es, wenn überhaupt fortzeugend, nur Materie gebären. Dieser, weil dazu nicht veranlagt, mnß das Geistige, es niag noch so minimal gedacht tverden, fern bleiben. Ist das Uratom geistiger Art, wäre der ganze Streit nur ein Spiel mit Worten. Es wäre der Urgeist, als solcher von Theismus nicht weit entfernt. Anderseits ist cs eine große Frage, ob die angenommene Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit in der Natur für den Materialismus sich Nachweisen läßt. Dient eine» dem anderen, ist alles Bestehende zum Wohle der Gesamtheit ins Dasein getreten, so dürfte wohl die Frage erlaubt sein, ob der Cholerabazillns auch zu ihrem Wohle beiträgt? Der Gläubige wird auf die Frage antworten: Gott hat alles aufs beste geordnet. Die Existenz der Cholerabazillen kann ich nicht erklären. Ich unterwerfe mich dem Willen Gottes. Der Materialist ist weit entfernt so zu sprechen. Er gesteht nur ein, daß er das nicht wisse. Nun ist Nichtwissen keine Schande. Überhaupt darf man von der Naturforschung, als einer jungen Wissenschaft, nicht die Antwort auf jede beliebige Frage erwarten. Sie darf sagen: Ich habe den Menschen sö vieles erklärt, lasset mir Zeit; mein forschender Geist wird nicht ruhen und wird auch die bis nun schädlichen Wesen unschädlich machen, ihnen ihren Wirkungskreis anweisen, sie bändigen und vielleicht zu nützlichen Wesen nmgestalten. — Möglich. — Aber das ist, wie PaulsenZ an anderer Stelle sagt, „der Glaube in der Wissenschaft". Jedenfalls der Glaube der Wissenschaft an sich selbst. Mit dem Glauben kann man nicht Theorieen stützen. Die Annahme der Zweckmäßigkeit, daß jedes Geschaffene zum Wohle des Ganzen wirke, daß ferner die niederen Organismen die höheren vorbereiten und in ihrem Dienste stehen, gehört zum wissenschaftlichen Glauben. Die Prämisse fällt nun, mithin auch die Annahme, daß die Menschheit eine Vorstufe für höhere Organismen sei. Aber der Schluß wäre falsch, selbst wenn die Prämisse bestände. Die Natunoissenschaft rechnet mit Thatsachen, mit dem Gegebenen. Aus dem Kleinen kann sie Schlüsse auf das Große ziehen oder umgekehrt; ans einem Gegebenen auf ein anderes, das ebenfalls gegeben ist. Sie kann auch, bei einem zureichenden Grunde, ans eine Folge schließen, selbst wenn diese der Zeit nach noch nicht *) Einleitung in die Philosophie.