Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1894)
- Date
- 1894-11-01
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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246 II. Der Materialismus. a) Der Mensch als Vorstufe eines höheren Organismus. Mit der Anschauung der Bibel, natürlich nur äußerlich verwandt, ist die des Materialismus. Die Extreme berühren sich. Auch der Materialisinus erkennt zweckentsprechendes Nacheinander au. Dieses Nacheinander ist. da nach ihm eine von Außen wirkende Kraft nicht besteht, eine Entwickelung aus sich selbst und wird ihm zur Grundlage des Seins. Nach der Anschauung des Materialismus konnte für den Menschen ein Daseinszweck gefunden werde», in der, wenn auch nicht erwiesenen, doch angenomuienen Weltordnung, vermöge welcher die niederen Organismen den höheren dienen. Es dient die unorganische Natur der organischen, das Mineralreich dem Pflanzenreich, dieses dem Tierreich, es dienen alle dem Menschen. Wenn wir, der alten Anschauung gemäß, den Menschen als die Krone der Schöpfung betrachten, hätte alles Bestehende, organisches wie unorganisches den Daseinszweck, für Erhaltung der höheren Organismen zu sorgen, ihnen unbewußt zu dienen.. Für den Menschen allein gäbe es keinen Zweck, weil es auf Erden für ihn einen höheren Organismus nicht gibt, nichts und niemand in dessen Dienst er sich stellen wollte, sondern erhaben über alles Geschaffene, nach dem Wortlaute der Schrift: „die Erde füllen und sie beherrschen" will. In der That, wäre der Mensch nicht im Besitze der idealen Güter, trüge ihn sein Geist nicht hiinmelwärts, er müßte sich der rohesten Gewalt, wie des niedrigsten Schmarotzertums anklagen. Er bändigt, zwingt Alles unter seinen Willen. Mit welchem Rechte? Mit dem des Stärkeren, des Klügeren? Er ist der Stärkere doch nur, weil er der Klügere ist. Soll der Klügere immer Recht behalten? Auf moralischem Grunde ruht eine solche Lehre nicht. Da ferner der Mensch den unter ihm stehenden Organismen nichts bietet, sebst da, wo er, wie im Tier- und Pflanzenreich, zum Gedeihen und zur reicheren Entfaltung einzelner Gattungen beiträgt, dies nur zu seinem Nutzen und zur Befriedigung der eigenen Lust thut, zeigt er sich als Schmarotzer, der Dienste entgegenuimmt, Gegendienste nicht leistet. Die Vertreter des Materialismus, die in dem Menschen nur das Tier sehen, ihn ursprünglich, wie jedes andere Wesen, durch Zufall entstanden sein, nach einer Reihe von Jahren wieder in das Nichts zurückfallen lassen, müssen diesen Vorwurf ruhig hinnehnieu. Der Materialisinus könnte ihm nur entgehen und würde sich, seinem Gedankengangc gemäß, ein Daseinszweck für den Menschen finden lassen, wenn folgende Erwägungen der Kritik stand hielten. Wenn nämlich die in der Natur angenommene Zwcckmäßigkeitstheorie sich Nachweisen ließe, wenn es ans Wahrheit beruhte, daß der niedrigere Organisnms dem Zwecke des Höheren dient oder, was dasselbe ist, der niedrigere Or-