Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1894)
- Date
- 1894-10-01
- Page
- Seite 230 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Mit Recht fragt man sich daher: Woher kam diese für jene Zeit unglaubliche Milde? — Das nächste wird zeigen, das; sich diese humanen Bestrebungen daraus erklären lassen, das; Luther nichts geringeres im Sinuc hatte, als die Juden zur Annahme der Taufe zu bewegen. Er sagte nämlich: „Darumb wäre mein Bitt' und Rath, das; man säuberlich mit ihnen nmbging und aus der Schüft sie unterrichtet, so möchten ihr etliche herbeikommen. Aber nu wir sie nur mit Gewalt treiben und gehen mit Lügentheidingcn umb, geben ihnen Schuld, sie müßten Christenblnt haben .... und weiß nicht, was des Narrenwerks mehr ist, das; man sie gleich für Hunden hält; was sollen wir guts au ihnen schasst«? Item, das; man ihnen verbeut, unter uns zu ärbeiten, handthieren und andere menschliche Gemeinschaft zu haben, damit man sie zu wuchern treibt, wie sollten sie das bessern? Will man ihnen Helsen, so »ms; man nicht des Papstö, sondern christlicher Liebe Gesetz an ihnen üben und sie freundlich annehmen und mitlassen werben und ärbeiten, damit sie llrsach und Raum gewinnen, bei und umb uns zu sein,' unser christlich Leben und Lehre zu Horen und sehen. Ob etliche halsstarrig sind, was liegt daran? Sind wir doch auch nicht alle gute Christen." ans die damaligen Juden ausübtcn, läßt die Morgenröte der Freiheit auch für die Juden anbrecheu zn wollen. Doch sic sollten sich sehr getäuscht haben. Tenn im Jahre 1543 erschienen zwei Schriften Luthers, die gerade das Gegenteil von seinem früheren Werke aussagtcu. Mit einer Gesinnung, die ganz im Gegensatz zn der so oft gerühmten „christlichen Liebe" stand, predigte er Lehren, die einem modernen Antisemiten zur Ehre gereichen würden. Es erscheint uns daher als ein Rätsel, wie sich Luthers Meinung so ändern konnte. Tenn, sagt ein moderner Schriftsteller mit Recht, „es ist nicht anzunehmeu, daß der Einfluß der Rohheit der Zeit sich von 1529 bis 1543 in dermaßen anwachsendem Grade ans Luther geltend gemacht habe, das; daraus ein völliger''Umschwung seiner Gesinnung zu erklären wäre."") Manche wollen Luthers plötzliche Gesinnungsänderung daraus erklären, das; er die Schriften deshalb geschrieben habe, weil er seine Hoffnung auf Annahme der Taufe von Seiten der Juden getäuscht gesehen hatte, zumal sogar einige Christen zmn Judentum übergetreten seien. Mir erscheint dieser Grund nicht einlenchtend. Denn Luther war viel zn saguinisch, um beinahe zwanzig Jahre darauf zu warten und dann plötzlich über die Inden herzufallen. Wäre dies der Grund gewesen, so hätte er sicher schon in anderen, früheren Schriften seinem Herzen Lust gemacht. Ich glaube eher, daß das Motiv zn Welche Wirkung diese Worte sich leicht denken. Schien doch endlich '-',i Ziehe Maurice Reiuhvld von 2 Antisemitismus i» Deutschland" aus der 2v,;ialpvlitik." Oktober teru : „Ein Beitrag zur Neuntuis der Ursprünge des .Gesellschaft, Zeitschrift für Litteratur, Üunst und