Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1894)
- Date
- 1894-10-01
- Page
- Seite 229 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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229 wurde cs erreicht. — Die Juden haben wieder eine Heimat gefunden, und der Fluch, der sie so lange verfolgt hatte — er verwandelte sich in Segen. Fragen wir uns nun: „Sind denn alle davon überzeugt, daß den Juden dasselbe Recht zusteht, wie den andern Menschen?" so müssen wir leider mit „Nein" antworten. Denn Gott sei's geklagt, es giebt imnier noch Leute, die die politische Ausdrucksweise mit dem Namen „Antisemiten" bezeichnet, welche den Juden jede Gleichja man niöchte sagen, jede Existenzberechtigung absprechen. Diese begründen ihre Behauptungen damit, daß sie vorgeben an der Hand der Geschichte (natürlich vergeblich) nachgewiesen zu haben, der Jude sei gleichbedeutend mit Unglück und Schaden sür das Land und seine Bewohner. Eine ihrer am öftesten citierten Belegstellen ist eine Schrift des großen Reformators Luther. Ich glaube, es mag demnach nicht ohne Interesse sein, die Meinung dieses bedeutenden Mannes über das Judentum zu erfahren, denn, sollen wir der Wahrheit die Ehre geben, so ist sowohl die philoals auch die antisemitische Presse viel zu parteiisch, um die wahre Gesinnung Luthers über die Inden klar darznlegen. Während nämlich die antisemitische Tageszeitung nur die gehässigen Stellen alns Luthers Schriften zusammensucht, veröffentlicht die philosemitische nur solche, die Luther in judendsrenndlichem Lichte erscheinen lassen. Daher sind auch die oftmals ganz verdrehten Ansichten über Luthers Gesinnung zu erklären. Die erste Schrift,') in der sich Luther über die Inden äußerte, erschien 1529. Mit einer Vorurteilslosigkeit und Humanität, die bis jetzt fast ohne gleichen war, behandelte er die Stellung der damaligen Inden. Mit Entrüstung wies er in dieser Schrift alle die Beschuldigungen, die Jahrhunderte tzindnrch gegen die Juden erhoben wurden, als falsch zurück, indem er selbst sagte, Christus sei ein geborener Jude. „Und wenn wir gleich hoch uns rühmen, so sind wir dennoch Heiden und die Juden von dem Geblüt Christi: wir sind Schwäger und Fremdlinge; sie sind Blutfreund, Vettern und Brüder unseres Herrn." Er verwies dem Volke in scharfen Worten seine Haltung gegen die Juden. „Denn, sagte er, „unsere Narren.haben bisher also mit den Jüdeu gefahren, daß, wer ein guter Christ tväre gewesen, hätte wohl nicht ein Jüde 'werden. Und wenn ich nie Jüde gewesen wäre und hätte solche Tölpel und Knebel gesehen den Christenglauben regieren und lehren, so wäre ich eher eine Sau denü ein Christen worden. Tenn sie haben mit den Jüden gehandelt, als wären es Hunde und nicht Menschen, haben nichts mehr kunnt thun, denn sie schelten und ihr Gut nehmen, wenn inan sie getauft hat . . . ." ’) Polemische Schriften XXIX, 2X.