Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1894)
- Date
- 1894-10-01
- Page
- Seite 224 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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224 Um mm irgend einen Zweck zn finden, wollen wir einerseits den Theismus, andererseits die Naturwissenschaft befrage»; die letztere, wie sie sich uns darstellt — als Materialismus und Idealismus. Obleich, wenn eine Lösung der teleologischen Frage überhaupt zu finden ist. sie nur auf dem Gebiete des Theismus ' gefunden werden kann, wollen wir doch die Naturwissenschaft in den Hauptmomentcn, in denen sie sich uns darstellt, zuerst zu Worte kommen lassen. Wenn wir jedoch eine Uebersicht der biblischen Schöpfungsgeschichte voranstellen, geschieht cs nicht, um die Naturwissenschaft nach allen Seiten von theistischen Anschauungen zn nmgeben, sondern weil die Frage, ob in der biblischen Schöpfungsgeschichte irgend ein Daseinszweck gegeben ist, sich von selbst aufdrängt. ES ist überflüssig, hcrvorzuheben, daß ich auf deni Standpunkte des Theismns stehe, dennoch habe ich den Materialismus wie den Idealismus, inwiefern er sich jenem entgegeugestellt, einen breiten Platz eingeräumt, habe mich, um des Rätsels Lösung zu finden, ans ihren Standpunkt zu stellen versucht, aber keine Lösung gefunden. Die Arbeit wird also iubetrcff des Zweckbegriffs enthalten: 1. Eine tibersichttiche Darstellung der biblischen Schöpfungsgeschichte, 2. die naturwissenschaftliche Anschauung, die ich der leichteren Uebersicht halber in Materialismus und Idealismus sondere, 3. den Theismus mit seinen Unterabteilungen. I. Die biblische Schöpfungsgeschichte und der Zweckbegritf. Bevor nur des Näheren auf das cingehen, was der Materialismus für den Ziveckbegriff zn bieten imstande ist, wollen wir es versuchen, uns Rat bei unserem alten Lchristtuin zu holen. Sollten diese Bücher, die das höchste und hehrste in den Bereich ihrer Betrachtungen gezogen, sich niemals die Frage über den Zweck des menschlichen Daseins vorgelegt, niemals eine Antwort versucht haben? Wohl ist es wahr, daß die teleologische Frage zunächst eine spekulative ist, aber sie ist auch eine ästhetische und ethische. In neuerer Zeit ist sie eine natnrwissenschastliche geworden. Das heilige Schrifttum geht von dem Grundgedanken eines Gottes ans. Spekulation im eigentlichen Sinne ist ihr ebenso fremd wie Naturivissenschaft. Aber ist nicht der Umstand, daß Teleologie auch die Ethik berührt, hinreichend um die Beantwortung ihrer Frage auch in diesem Schrifttum zu suchen? Und ist die Frage nicht auch eine religiöse? Wir kommen später darauf zurück, daß gerade das tiefreligiöse Gemüt das Bedürfnis fühlt, Antwort auf die Frage zu erhalten: Wozu bin. ich? Ich glaube an Gott. Wozu hat Gott mich geschaffen? a) Die Schöpfungsgeschichte begründet keine Teleologie. Zugegeben, daß die heilige Schrift kein philosophisches System bietet, sind denn in derselben thatsächlich spekulative Fragen ganz beseitigt? Sind die