Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1894)
- Date
- 1894-10-01
- Page
- Seite 223 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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223 Daseins bestände im Schaffen und Wirken des Guten. Selbstverständlich würde dies auf ein anderes sich beziehen müssen. Dieses andere würde doch wohl wieder ein Mensch sein. Der Mensch ist also wieder die Voraussetzung und zwar in doppelter Beziehung, als wirkender und als derjenige, auf den von einem andern gewirkt wird. Das ist ein Kreis, aus dem man nicht herauskommt. Abgesehen hiervon, stellt uns der Gedanke, daß der Zweck des Menschen im Wirken für andere bestehe, als bedauernswerte Geschöpfe hin. Man mißverstehe das nicht. Gewiß ist das Wirken für andere eine der schönsten menschlichen Tugenden; das Aufgehen im Leben des anderen höchst rühmenswert Das Hintansetzen des eigenen Ich zu Gunsten eines Freinden oder im Dienste einer Idee, die doch wieder nur zu Gunsten der Menschheit verwirklicht werden soll, eine selten erreichte, aber doch erstrebenswerte Eigenschaft. Man suche, wo die Idee eine große ist, sie mit aller Kraft zu verwirklichen. Man strebe für andere, suche selbstlos zu sein. Aber behaupten: Zweck meines Daseins ist für den anderen zu wirken und nur darum bin ich ins Dasein getreten, heißt doch nichts anderes, als sagen: für mich selber besteht kein Zweck. Was keinen Zweck hat, ist auch nicht existenzberechtigt. Wenn es für mich doch einen Zweck giebt, wen» ich irgend eine Existenzberechtigung habe, liegt sie nicht in mir, sondern in dem anderen. Dieser andere, für den ich wirke und lebe, ist ein eben solch' für sich zweckloses, zur Existenz nicht berechtigtes Wesen wie ich. Setzen wir an Stelle der Personen A und B. A hat für sich keinen Zweck. Sein Selbstzweck ist für sich gleich Null. Mit B steht es ebenso. Aber, so wird nun angenommen: A hat seinen Zweck in B, B in A. Wenn nun A für B wirkt, wirkt er, der selbst keinen Zweck hat, für etwas, das zwecklos ist. Das wäre eine Posse, und so wir im Dasein irgend eine Vernunft voraussetzen, ein der Vernunft unwürdiges Dasein. Oder setzen wir so: A hat seinen Zweck in B, für den er wirkt. Er muß für ihn wirken, will er anders seinen Zweck erfüllen. Dieses „Müssen" drängt sich um so gebieterischer aus, als A für sich doch nichts ist. Es ist ein Gebot, das anfgehört hat, ein ethisches zu sein. Das Wirken für den anderen ist Zwang. Abgesehen von der Ungeheuerlichkeit, die in der Annahme liegt, daß jeder nur für den anderen geboren sei, geht also auch der ethische Gedanke, der sonst in dem Wirken für andere gesucht wird, verloren. Es ist kein Verdienst, für den anderen zu wirken, wenn in dieser Wirksamkeit der Zweck des eigenen Daseins, die. Existenzberechtigung gefunden werden soll. Das entgegengesetzte ist der Fall. Der andere wird zum Mittel herabgedrückt, das ist Sebstsucht, nicht Selbstlosigkeit. Das Facit ist: Sind die Menschen einmal geschaffen, und ist der eine hülfbedürftig, soll der andere hülfbereit sein. Tie Ansicht, daß der eine des anderen wegen geschaffen sei, seinen Daseinszweck in ihm finde, ist unhaltbar. Hiermit fällt eine Seite der Zwecktheorie.