Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1894)
- Date
- 1894-09-01
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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203 selber, gleichsam mit eigener Hand, die schöne Menschengestalt und setzt ihr, nach reiflicher Erwägung und Berathung mit seiner Engelschar, freiwillig die Gedankenkrone der Gottähnlichkeit auf's Haupt. Der Geistesfunke, der im menschlichen Wesen das Licht der denkenden j Vernunft und die Wärme des Gefühls bewirkt, so daß selbst das Irdische an ihm durchleuchtet und verklärt erscheint, ist eine neidlose Gabe der Gottesliebe, die sie. dem Menschen mit dem Segen der Herrschaft über alle Erdenwesen gerade deswegen gewährt,') damit er ihr ähnlich sei, und damit ein ^anz eigentümliches Pflichtgefühl der Dankbarkeit und Verehrung in ihm rege werde, welches sich stets in der Befolgung der religiös-sittlichen Gebote des Gottes bethätigen soll, zu dem er schon vermöge seiner ganz originellen Erschaffungsweise in das innigste, liebevollste Verhältnis gebracht wurde?) Wie ganz anders und wie bar eines jeden ethischen Pflichtgefühls des Menschen für die Götter lautet die hellenische Tradition von. der. Mcnschengestaltung. — Wohl formen die Götter den ersten Menschen nicht aus Staub, sondern aus Gold;3) aber was bedeutet diese Goldmaterie gegen jenen die Gottähnlichkeit bewirkenden Himmelsfunken, den ihm Zeus aus Neid und Eifersucht vorenthält. — Erst die räuberische Gewalt des Prometheus bemächtigte sich dieses himullischen Funkejns?) und brachte ihn als gestohlenes Gut dem Menschen, in welchem dann natürlich kein Dankgefühl, sondern Trotz und Ucberhcbung gegen den eifersüchtigen Zeus rege werden mußte. Wie denn auch in der That das philosophirende Griechentuin, zur Zeit des Anaxagoras, da man den naiven Standpunkt des furchtbewirkenden Glaubens völlig aufgab, die neidische Göttcrwclt zertrümmerte, und zum „Maß aller Dinge" den Menschen erhob, der in seinem trotzigen Geistesdiinkel keine andern Mächte anerkannte, vor denen er sich beugen müßte, als die allmächtige Zeit und die tückische Äloiru, wie Horodot^) das Schicksal.nennt, die Herrin der Götter ebenso wie der Menschen?) Der biblischen Schöpfungsgeschichte gemäß, wird ferner der gottähnliche Mensch als des Schöpfers Liebling in ein blühendes Paradies versetzt, doch nicht um dort ein gedanken- und thatenloses Bequemlichkeitsleben zu fristen, sondern um den allerdings frischen jungfräulichen Boden erfolgreich zu bearbeiten.^;) ©eit. I 26—31 ») Bgl. Midr. Rab. Cap. 9 z. St. Gen. 1,31 und Midr. Tancli. z. Gen. 3,22 wo uit|ere Weisen schon andeuten, daß die Thora mit diesem Spruche die neidlose Absicht Gottes bezeichnet. s) Hesiod. „Werke und Tage" 1—185. , 4) Hesiod. Theog. 453 ff. *) Herod. I. 91. ®) Tiefsinniger kann diese hellenische Denkweise, die titanenhaft sich aufbäumt gegen lebe Gottesherrschaft, nicht charakterisirt werden, als wie dies in dem berühmten Gedichte: „krowethens von Goethe geschieht. Das Gegenstück zu demselben: „Gränzen der Menschheit", sowie das darauf folgende hocherhabeue Poem: „das Göttliche" sind hinwieder vom religiös-ethitchen Hauche der mosaischen Schöpfungslehre durchweht, die eben den Erdensohn in solch' innige ehrfurchigebietende Beziehung zum „Göttlichen" bringt. 7) Gen. 2,15.