Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1894)
- Date
- 1894-08-01
- Page
- Seite 182 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2969669-2969961-2969970--4233-2977335- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Lauf aus de» guten Ort Ehaskel, reiße die Gräber ein, strecke Dich aus auf das Grab meiner Mutter, ans das Grab des Großvaters, befeuchte mit Deinen Thräncn ihre Tachrichim') und sage ihnen, daß ihr Kind im Sterben liege. Wehe mir! Ich sterlw als ein Opfer für Deine Aweres-) So habe doch wenigstens Rachmvnes^) mit mir in der letzten Stunde- Lege mir unter den Kopf den Kvrban-niittcha-Siddur und decke mich mit Deinem Tallisch zu. Stehe nicht Ehaskel, thne was ich Dir sage und laufe auf den guten Ort!" Chaskel aber konnte ihr nicht Rede stehe», da auch ihn die Seekrankheit ergriffen hatte. „Siehst Du — rief Gitelc — mit! noch kanin hörbarer Stimme — Gott straft Dich nun für Deine Sünden, j Recht so. recht, Du hast cs verdient, Du Apikvres: aber ich, warum leide ich? Wehe mir!".— I VI. Rach einer Fahrt von etwa 14 Tagen war das Schiff niit unfern Reisenden wohlbehalten im Hafen von Rew-Aork cingelanscn. Chaskel kündigte seinem Sohne von Castel Gardin ans seine und der Mutter Ankniift an und harrte mit freudiger Sehnsucht dem Momente des Wiedersehens mit seinem Kinde entgegen. Gitele aber schlug inzwischen ihren Kvrban-Mincha-Siddnr auf und verrichtete ein inbrünstiges Tankgebet für die überstandcne Seefahrt und, wie sie einigen Mitreisenden sagte, für die Erretung von der gefährlichen Krankheit, die sich ihrer so sehr bemächtigt hatte, daß sie den Todesengel wie er steht und geht schon gesehen hätte. Es mochte kaum eine Stunde verstrichen sein, als der von den Eltern sehnlichst erwartete Sohn erschienen war- Boruch war ein hübscher, stattlicher junger Mann, der europäisch gekleidet und echt amerikanisch aussehcnd die Physiognomie eines polnischen Juden von ehedem gänzlich verloren hatte. Der Zufall wollte es, daß sein Blick zuerst die Mutter gewahrte, und von Kindesliebe überwältigt lief er stürmi'ch auf sie zu und schloß sic, ihr Gesicht mit Küssen bedeckend, in seine Arme. „Rette mich — schrie plötzlich die in ihrer Andacht gestörte Gitele auf — rette mich Ehaskel ans .der Hand des Orelch hier,' der Dein koscher Weib abküßt. Wie kannst Tu nur so ruhig stehen und znsehen, wie ein fremder Mann und »och dazu ein Orel Deine Gitele ninarmt."— »Aber liebe Mutter — sprach Boruch betrübt, und kehrte sein Gesicht dem Pater zu, den er ebenfalls umarmte und herzlich küßte — erkennst Du mich denn nicht? Ich bin doch Dein Sohn, Tein Boruch." „ES ist doch unser Kind" ries nun auch Ehaskel, und trocknete mit dem Rockärmel eine sich bahnbrechende Thrüne. Gitelcs Gesicht erheiterte sich wieder, ') rotenkleider. -) Sünden -3> Mitleid *) Gebetmantel. 5,i Nichtjude.