Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1894)
- Date
- 1894-08-01
- Page
- Seite 180 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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180 tjren au- „Wehe mir — rief sie unter Thränen — hier ist doch keine Mesuse. Komm" laß uns einen Wagen aufsuchen, wo eine Mesuse ist." „Es giebt keine Wagen mit Mesuses" — erwiederte Chaskel. „Warum giebt es keine? Hier fahren doch so viele Juden?" „Franzosen — antwortete Chaskel — haben die Eisenbahn gemacht, und die Franzosen brauchen keine Mesuses." „So wollen wir doch Platz nehmen in einem Wagen, den Juden gemacht haben." „Solche Wagen giebt es hier nicht. Setze Dich aber schnell hin, sonst fährt der Zug ab und Du bleibst allein zurück."" „Weh geschrien — jammerte Gitele — ich soll in einem Wagen ohne Mesuse fahren!" Da aber Chaskel keine Anstalten traf den Zug zu verlassen und sie ohne ihn nicht ansstcigcn wollte, so fügte sie sich, da inzwischen der Zug sich in Bewegung setzte, ins Unvermeidliche und vertraute sich mit stiller Resignation der Führung ihres Mannes an. — Stunden auf Stunden verstrichen ohne daß nun Gitele nun auch nur einen Laut von sich gab. Nur tiefe, schwere Seufzer stieß sie ab und zu aus, welche aber in dem Sausen des Zuges verhallten, der unbekümmert um seine Jnsaßen an Städten und Dörfern, zwischen Stätten blühenden Lebens und Gräber», Trauer und Freude enthobener Tobten vorwärts jagte, um zur festgesetzien Zeit an sein Ziel zu gelangen. Endlich waren unsere Reisenden in Berlin angelangt und trafen in einem Gasthaus in der Rvsenstraße, wo sie einige Tage Rast hielten, viele Auswanderer und auch Viele, diei aus Amerika zurückgekehrt waren. Gitele lies; sich nun mit ihnen in ein Gespräch ein. „Ist es wahr „Ncbb Jüd" — frag sie einen älteren ehrwürdig aussehcndcn Man» — daß Amerika unter der Erde liege und, daß dort eine Finsternis wie in Mizraim') herrsche." „Es ist wahr — antwortete dieser trocken — darum kommen wir ja auch zurück." „Nun was sagst Du jetzt?" — schrie Gitele ihren in Gedanken versunkenen Gatten an. „Ich fahre nicht weiter, auf der Stelle fährst Du mit mir nach Hause." Chaskel aber wandte sich an den Mann und sprach: „Die amerikanische Finsterniß scheint Euch wirklich mit Blindheit geschlagen zu haben, denn Ihr seht nicht, wen ihr vor Euch habt und mit wem Ihr Eure Scherze treibt." Ein verständnisvoller Blick des Mannes, in dem eine Art von Bedauern lag, war die Antwort auf Chaskels sarkastische Bemerkung. Dann aber wandte er sich der noch immer tobenden Gitele zu und sagte: „Ihr scheint mich nicht verstanden zu haben. Ich habe Ench früher nur andeuteir wollen, daß wer drüben ein armer ') Aegypten.