Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1894)
- Date
- 1894-08-01
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2969961-2969970--4227-2977329- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
170 der heldenmütigen Pflegerin waren bald aufgezehrt. In dem Haus der Scharlachkranken tvollte niemand mehr eine Arbeit machen lassen. Nun kamen Schulden, und das Ende war die Einkehr des Gerichtsvollziehers. Ein hartherziger Gläubiger bestand auf seinem Guthaben, nnd da gab cs kein Erbarmen. Und doch giebt es noch Erbarmen auf Erden. In dem Augenblick, als das Bettlein des jüngsten Kindes aufgeladen werde» sollte und die Frau mit aufgehobenen Händen den Gerichtsvollzieher bat, ihr doch wenigstens nur dies zu lassen, trat aus der Reihe der Umstehenden ein Handelsjude auf den Gerichtsvollzieher zu und fragte so leise, daß es die arme Witwe nicht hören konnte, wie hoch denn überhaupt die ganze Forderung sei. Der Beamte hatte wenig Lust, die Neugier des „schäbigen Juden" zu befriedigen, und wies ihn kurz ab: das gehe ihn gar nichts an. Aber der alte Jude ließ sich nicht abweisen. „Erlauben Se" sagte er mild, „as ich doch nicht frag aus Naibegier! Ich will nehme» auf mich die Schuld der Frau und zahlen vor sie nnd trösten die Mutter und retten das kranke Kindlai»!" Jetzt sah ihn der Gerichtsmann erst recht an; das >var ihm in seinem Leben noch nie vorgekommen, daß ein Jude hätte bezahlen wollen, wo er nichts schuldig war. Er merkte, daß es dem Mann ernst war, und sagte ihm den Betrag der Schuld: „238 Mark und 75 Pfennig." Da zog der Jude hinter dem Wagen, so daß es niemand sehen konnte, eine alte schmierige Brieftasche hervor, nahm zivei Hundertmarkscheine heraus, fischte dann aus seinem Lederbeutel den Rest von 38 Mack und 75 Pfennig in Gold, Silber und Nickel heraus und — händigte den ganzen Betrag dem erstaunten Gerichtsvollzieher ein, mit dem Ersuchen, die, Fahrnis der armen Witwe wieder in ihre Wohnung hinaufschaffen zu lassen'. „Aber haben Se de Gide, Herr Gerichtsvozicher," fügte er leise bei, „lassen Se mich erst weg gehen! Ich mag keine Geschichten vor die vielen Lait." Mit diesen Worten verschwand der Jnde in dem Haufen der Umstehenden. Als der Gerichtsvollzieher der Frau das Geschehene mitteilte und diese mit Thränen in den Augen dem edelmütigen Retter danken wollte, war er nicht mehr zu finden. Es giebt Engel der Barmherzigkeit. Sie tragen nicht immer Flügel und strahlen auch nicht im Glanze überirdischer Schönheit. Sie sind manchmal alt und häßlich und sind dennoch Engel Gottes. Solch' ein Engel der Barmherzigkeit ist der alte Jnde gewesen. (Aus Zcnnksurt >> M. eingesundt der Zeitschrift „Tibre Eineth.") Eine Kumoreske von Albert Katz. ' (Schluß.) „Du machst Dir wieder unnütze Sorgen, liebe Gitclc. Ist cs denn möglich daß der in Feuer gehüllte Malach Duma') zu den Gräbern in die Tiefen, des Jamm's, wo doch nur Wasser ist, herabsteigen und dabei noch immer ein bren-