Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1894)
- Date
- 1894-07-01
- Page
- Seite 164 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Juden bestehen, gänzlich unbekannt. Das „Bethamidrasch" ist zugleich ihr Clnbhaus, wo sie die freien Abendstunden zubringcn, um alle Vorgänge in der großen Welt eingehend zu besprechen; die Gesänge des „Chasen"4) und seiner „Meschoreritn"2) bieten ihnen Ersatz für Theater und Concerte und die Vorträge des „Maggid" in der Dämmerstunde zwischen dem Mincha- und Maaribhgebete, sowie an den Sabbath-Nachmittagen bereiten ihnen nach vollendeter Tages- und Wochenarbeit einen seelischen Genuß. Gitele, die niemals die Weichgrenze des Städtchens verlassen und nie Gelegenheit hatte, den Neuigkeitsgesprächen der Männer beizuwohnen, kannte in der Stadt außer der Weiberschul, dem Hekdofch2) und dem Marktplatze nur noch den „guten Ort", den sie an jedem Rüsttage eines Neumondes auszusuchen pflegte, um die Tobten zu erinnern, daß sie ja nicht vergessen sollen, für sie und die Ihrigen bei Gott ein gsites Wort einzulege». Kein Wunder, daß Gitele nun an ihren Mann die Frage richtete: „Aber auf welche Weise werden wir nach Amerika kommen?" „Wir werden" — antwortete der geweckte Chaskel, der sich aus hebräischen. Büchern einige gcvpraphische wie auch sonstige Kenntnisse geholt hatte, „zuerst mit einem Wagen bis zur Eisenbahnstation fahren, von dort weiter mit der Eisenbahn und dann auf einem Schiff — und dann werden wir in Amerika sein." „Ist es denn wirklich soweit nach Amerika?" frug Gitele begierig. „Ja wir werden ungefähr drei Wochen unterwegs sein müssen," erwiderte der Mann. „Was sagst Du, drei Wochen? das sind doch 2t Tage." „Jawohl" : „Dann ist es doch bis Amerika 21 Mal so weit wie nach unserm „guten Ort", den zu erreichen ich immer säst einen ganzen Tag brauche." „Es ist noch viel weiter," 4spottete Chaskel überlegen. „Noch weiter, sagst Tn" —jjammerte Gitele. „Wehe mir, wo werde ich „baioiieit4") können. - „Unterwegs — tröstete sie Chaskel — wirst Tu unzählige Bethüuser finden und nach Belieben „dawnen" können". „Wohnen dRn auch unterwegs Juden?" „Aber Gitele,. kannst Du es Dir denn anders dcukcu! Weißt Tu denn nicht, daß nur der Juden wegen die ganze Welt existirt?" „Ja Du hast recht" gab Gitele geschmeichelt zurück. „Es freut mich, daß es so ist. Doch sage mir, was ist das für ein mit rother Farbe beschriebenes Papierchen das Du in der Hand hältst?" „Das ist eine Schiffskarte, die Boruchleben feinem Briefe beigelegt hat." ') Kantor. 2) Chorsänger. 3) Hospital; zugleich ei» Ausenthaltsort für Wandcrbettler. *) Beten-