Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1894)
- Date
- 1894-07-01
- Page
- Seite 163 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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163 der immer froh und zufrieden in die Welt hineinschaute, verhinderte die Armut, ihre Spuren auf sein Gesicht zu prägen. Gitele war nur zwei Jahre älter als ihr Mann, aber sie sah aus, als ob sie schon hoch in den Sechzigern wäre. Dies vorzeitige Altern hatte sie ihrer übertriebenen geradezu närrischen Frömmigkeit zu verdanken. Obwohl' von der Natur beanlagt, eine hübsche Frau zu repräsentieren, hatte sie nie, wir die Mehrzahl ihres Geschlechtes, dieses kostbare Geschenk zu ihrem Vorteile ausgenutzt. Von den vielen Thränen, die sie täglich beim Lesen der „Techiness“ zu vergießen pflegte, bekam sie trübe Augen. Infolge ihres Fastens an jedem Montag und Donnerstag und an den Tagen, wo in den vorangegangenen Nächten der Traumcngel ihr einen bösen C'holem ’) vorgaukelte, verlor ihre Körperfülle immer mehr an Gewicht und anmutigen Formen und ihr Gesicht an gesunder Farbe und Frische. Uni im Herzen der Männer keine sündigen Gedanken zu erwecken, war sie darauf bedacht, daß ihr Haupthaar, welches schon an ihrem Hochzeitstage ganz kurz abgeschnitten wurde, nie zum Vorschein kommen sollte. Sie trug daher vom Oberscheitel bis tief in die Stirn herab ein breites schwarzes Sammetband, welches auch die Ohrenläppchen bedeckte und das sie außerdem noch mit einem bunten Tuch, welches um den Kopf geschlungen war, sorgfältig verhüllte.— So oft sie ausging, selbst im Sommer bei der größten Hitze, hatte sie um die Schultern ein großes wollenes Tuch hängen, das .mit einer Busennadel mit schwarzem Kopf dicht am Kinn, damit ja nicht der Hals zum Vorschein komme, zusammengesteckt war. Ans der schön geformten Nase trug sie eine Brille mit dunkelgrünen Gläsern und unter'm Arm hielt sie einen dicken „Korben minclia Süldur“2), den sie von ihrem Mann als Hvchzeitsgeschenk bekommen hatte. Da Gitele täglich bei Wind und Wetter morgens und abends in „Schul" ging und auf dem Heimweg zugleich ihre häuslichen Besorgungen zu machen pflegte, so sah man sie fast immer in diesem Aufzuge durch die Straßen des Städtchens ziehen. Heute ging cs schon auf die elfte Stunde als Gitele vom Morgengottesdienst heimgekehrt war: denn sie koniste nicht umhin nach Beendigung' des Gebetes ihren Freundinnen mitzuteilen, daß gestern von ihrem „Boruchleben," der schon seit zwei Jahren nach Amerika ausgewandert war, ein Brief angekomnien wäre, in welchem er schreibt, daß er für seine Eltern sorgen wolle und daß sie so bald als möglich zu ihm kämen. Chaskel und seine Frau Gitele wohnten in einem kleinen Städtchen Lithaue»s, dessen Bürger die wohlthuenden Fortschritte der Kultur nur vom Hörensagen kennen. Um von diesem Flecken die nächste Eisenbahnstation zu erreichen, hat man ungefähr 30 Werst zu Wagen znrückzulegen. Theater, Concerte und sonstige Vergnügungen sind den Einwohnern dieses Städtchens, die zum größten Teil aus ') Traum. 2) Gebetbuch.