Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1894)
- Date
- 1894-07-01
- Page
- Seite 160 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969961-2969969--4210-2977311- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
160 — nicht müde, bei diesem Thema zu verweile». Dein Verdienste der frommen Frauen ist, so sagten die Prediger, die Befreiung Israels aus Egypten zu danken. Auf Sinai wurde Mose geheißen, erst die Frauen zu gewinne», daß sie seine Lehre annähmen. Sie lehrten ihre Kinder Liebe zn Gott und Liebe zu ihren Mit menschen, die Ausübung unbegrenzter Nächstenliebe, und erfüllten sie mit Begeisterung für edle Thaten. So erzählt R. Joseph Jabez» daß die jüdischen Frauen in Spanien ihre verzagenden Gatten ermntigtcn, ihrem Glauben treu zu bleiben und eher den Tod ans den Scheiterhaufen der Inquisition zu erdulden, als die Wahrheit abznschwören, deren Verkündung ihrer Mission war. Sie sahen ihre höchste Aufgabe in der treuen Erfüllung ihrer Pflichten als Gattinnen und Mütter; sie waren die Pricstcrinncn am geheiligten häuslichen Herde, gaben dem Familienleben die religiöse Weihe und erfüllten es mit jener Liebe, Reinheit und Heiligkeit, durch die es sprichwörtlich geworden ist. Sie haben das Judentum davor bewahrt, zu einer Kirchenreligion zu werden, sie haben es im wahrsten Sinne zu einer Religion des Lebens gemacht. Diese wilnderbare religiöse Macht erlangte das jüdische Weib dadurch, das; sie davor bewahrt blieb, s.ine Kraft auf jene reine formale Seite des Judentums zu richten, die so üppig gedieh. Nur so konnte sie werden und wurde sie der wichtigste Faktor in der Ausbildung jener anderen Seite der Religion, die ihre Wurzel im Herzen des Menschen hat. Dies erklärt auch, wieso es kam, in dieser letzten Epoche, da die Schatten der Nacht allmählich zu weichen anfiugen und die Sonne der Freiheit und Gerechtigkeit für die Juden ^zu leuchten begann, daß, wo iinmer die Jude» von ihrer Religion das alte orientalische Beiwerk abstreiften, das ihnen durch die Jahrtausende anfgezwungen war, wo immer sie heranstreten konnten aus ihrer unfreiwilligen Abgeschlossenheit und es ihnen gestattet tvar, Teil zn nehmen an der gemeinsamen Arbeit der Menschheit; und vor allem da, wo viele von den Cercmonien, durch welche die Menschen allein sich früher von einander schieden, in ihrem wahren Werte erkannt und zum großen Teile beseitigt wurden — daß, da das jüdische Weib sofort bereits war, offen den thätigsten Anteil zu nehmen an jeglichem Zweige religiösen Wirkens, ja daß sie den Mann an Begeisterung und Hingabe übertraf. Sobald der Geist der Freiheit die Luft zu reinigen anfing unb die Nationen von der unbestrittenen Herrschaft der Intoleranz befreit wurden, rafften die Juden sich auf aus ihrer Lethargie, und ihre Führer begannen, energisch die Emaneipatiou der jüdischen Frauen, Mütter und Töchter ans ihrer religiösen Unmündigkeit zu fordern, sowie ihre gesetzliche Zurückführung in die Stellnng, die sie thatsächlich nie anfgegebcn hatten. Wie bescheiden diese Forderungen anfangs waren, kann man aus der Litteratur von vor fünfzig Jahren ersehen, wo es für eine große Heldeuthat galt, auf der Abschaffung der absolnteu Chalitza zu bestehen und Gesetze zu beseitigen, die, für einen ganz anderen Zustand der Eivilisation bestimmt,