Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1894)
- Date
- 1894-07-01
- Page
- Seite 153 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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von Paulus IN der Vorrede zu seiner Spinozaausgabe Tom. II p. 677. Anm. 2) in das Reich der Fabel verwiesen, und ein freiwilliger Austritt aus dem Judentume in anderer Form ist nach den damaligen Verhältnissen, wo der gesamte Lebenswandel des einzelnen, der kirchlichen Kontrolle und Rüge unterlag, nicht gut denkbar. Spinozas freie Ansichten waren bald ruchbar geworden; er hielt damit in seinem Freunde- und Schülerkreise nicht hinterm Berge zurück, und vieles läßt daraus schließen, daß seine Philosopheme, welche sich gegen jede kirchliche Gemeinschaft richteten, unter der Amsterdamer jüdischen Jugend große Verbreitung fanden. Man gab sich Mühe, ihn wenigstens äußerlich den, Jndciitunic zu erhalten, man hätte ihm seine Freidenkerei durchgehen lassen, wenn er damit nicht an die Ocfsentlichkeit gedrungen wäre; Spinozas eigener Lehrer bot seinen ganzen Einfluß auf ihn in dieser Richtung auf; umsonst, er war zu kompromittierenden Kompromiß zu stolz. Daß ihm von fanatischer Hand nach dem Leben getrachtet worden, hat wenn es anch auf Wahrheit zu beruhen scheint, gar nichts mit den Maßregeln des Rabbinates zu thun, wie fälschlich selbst von jüdischen Autoren angenommen worden ist (z. Bvon L. Philippson in „Sulamit" a. a. O- S. 330). Wie der Tenor des Bannediktes gegen Spinoza selbst besagt, gab sich der jüdische Gerichtshof seiner Vaterstadt, „der längst von den irrigen Meinungen und dem ketzerischen Gebühren Spinozas Kenntnis hatte, auf jede Weise Mühe, ihn von seinem Lebenswandel wieder zur Rechtgläubigkcit znrückzuführen. Doch da er im Gegenteil mit kühner Stirn immer offener feinen Lehre» gemäß handelte und sie weiterverbreitete, wurde er dann auf die durch Konfrontation mit dem Angeklagten erhärteten Aussagen glaubwüidiger Angeber hm aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen," und wie uns seine Biographen bel ichten, legte er auch in seinem äußeren Verhalten das Judentum immer mehr ab. Abgesehen nun von der Lückenhaftigkeit der Berichte über diese» ganzen Vorgang, müssen wir sagen, daß Spinoza mit seinen Ansichten nicht in den Rahmendes damaligen Judentumes hinein paßte. Die zeitgenössische Theologie legte das Hauptgewicht auf die gcwisscnhaste Ausübung der praktischen Vorschriften, ihr war deren Befolgung und Religion eins. Diese Auffassung war für einen Geist wie Spinoza zu eng, und so sagte er sich schon früh — nicht von der Religion der Väter überhaupt, sondern, wie seine Freunde ausdrücklich versichern, — vom Judentume in seiner damalige» Gestalt los. Roch war die Zeit nicht da, wo ein Mendelssohn für völlige Freiheit des Denkens eintreten durfte, ohne an seiner jüdischen Strenggläubigkeit Schaden zu nehnicn; wo er („Au die Freunde Lessings") die Ansicht auszusprechen wagte, Spinoza hätte bei seinem Systeme doch ein orthodoxer Jude sein können; noch spürte man nichts von dem Geiste, in welchem ein Schleiermacher die ganze Theologie durch spinozistische Triebe verjüngte. Das Judentum erschien noch nicht als der allbcglückende Lebensbaum, der jedem bas Seine bietet; denen, die cs drängt, die Schleier der Ewigkeit zu lüsten, die Blüten einer glaubensseligcn Mystik, dem Manne der That die Frucht einer ernsten, sonnenlichten Moral, dem Schwachen und Schutzheischenden — und