Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1894)
- Date
- 1894-06-01
- Page
- Seite 132 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2969669-2969961-2969968--4181-2977281- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
132 Nimbus einer religiösen Legende uni das Haupt des unsterblichen Patrioten wob. Diese abergläubische Pietät hing nämlich mit einer Episode aus der Jugend Kossuth's zusammen. Der Vater Äossnths lebte als Advokat in Zcmplin im Norden Ungarns, wo der Zuzug aus Polen am stärksten war. Diese aus Polen cingkwanderten „Chassidim" mit defectem-Talar, verunstalteter Geberde, Stirnlöckchen und „Streimel" (aus Lammfellen geformte Kopfbedeckung), begegneten selbst unter orthodoxen Glaubensgenossen einer instinctiveu Entfremdung. Da geschah cs, daß'Kossuth's Vater einen erbitterten Proceß gegen den im Ruse heiliger Askese und Gottesfurcht stehenden Oberrabbi von Ujheli Moses Teitelbaum führte — ein langwieriger Streit, der in Jahrzehnten erst beigelegt werden konnte. Mittlerweile starb der alte „Fiskal" Kossuth's Vater, ihm folgten zwei Söhne ins Grab. Naturgemäß war der Tod der drei aus dem Hause Kossu th als eine göttliche Strafe gedeutet. Nicht nur die Juden, auch die Katholiken und Protestanten begannen den Rabbi als überirdisches Wesen zu betrachten, zu dem die Gläubigen in Massen pilgerten, der Rabbi hatte wohlweislich keinen Einspruch gegen die mysteriöse Auffassung seiner Macht eingelegt. Der Tod des Gatten und ihrer Söhne erschütterte die Mutter Kossuths, die schlichte in protestantischer Gläubigkeit fest ankernde würdige Matrone, die später in bewegten Tagen nicht nur selbst inbrünstig betete für ihren Sohn Ludwig, sondern auch für dessen Leben in katholischen und jüdischen Gotteshäusern Gebete verrichten ließ. Den quälenden Gedanken jedoch konnte sie aus ihrem mütterlichen Herzen nicht baiincii, daß vielleicht der Fluch des Rabbi auch auf dem Haupte ihres einzigen Syhnes lastet; sie zauderte nicht lange, erschien persönlich beim Rabbi, Vergebung und Vergessung bittend für alle Unbill, die ihm ihr verklärter Gatte als Advocat verursachte und um Gnade flehend für ihren am Leben gebliebenen einzigen Sohn. Diese Bitte gab dem Rabbi Veranlassung, Einblick zu nehmen in das Seelenlebendes kleinen Ludwig Kossuth, dessen Neigungen und Charaktereigenschaften zu erlauschen^ und als der greise Rabbi sich die Überzeugung verschaffte, daß in der Seele des Kindes die Vorurteile die Gebote der Liebe für die Mitmenschen nicht zu tilgen im Stande waren, legte er die zitternde Rechte segnend auf das Haupt des Knaben. Die Worte des Rabbis mit denen er seinen Segensspruch geleitete, bewahrte treulich Ludwig Kossuth und vergaß nicht die Worte des segnenden Rabbi ans den Psalmen 60, Vers 6, der lautet: „Nassato lireecho ness lehissnosses mipnd „Kos eh et“ sela.“ „Ein Panier gabst du deinen Gläubigen, daß sie sich schmücken für die Wahrheit", und da Koschet — und Kossuth einen symbolischen Gleichklang besitzen, gab man den Worten jene erhebende Sinnesdeutung: „Ein Panier 'liehest du deinen Bekenner», sich zu schmücken für „Kossuth" — (Koschet).