Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1894)
- Date
- 1894-06-01
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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124 Doch noch befleckte man sich durch die bloße Nennung des Anrüchigen. Da begann eine neue Zeit, für Deutschland im große» Ganze» sowohl als auch besonders für die deutsche Judenheit, mit deren Schicksal hier dasjenige ihres großen Sohnes eng verknüpft erscheint. Ein junger jüdischer Gelehrter veröffentlichte unter thätigem Anteil seines Freundes Lesiing eine Schrift, in welcher er es wagen durfte dem viel geschmähten Glaubensbruder, den man lange Zeit „wie einen toten Hund hatte am Wege liegen lassen" einen Ehrenplatz neben einem Leibnitz einzurämnen. Derselbe Jude sprach nicht allein von der Religion seiner Väter in Worten, die selbst einen Kant Bewunderung für den Vertheidiger nicht minder als für die geführte Sache abrängen, sondern von der Religion überhaupt mit ei»er Hoheit der Gesinnung und mit einer Klarheit des Geistes, daß er sich in kurzem voll einem weiten Kreise Heilungsbedürftiger als Herzensarzt um Rat gefragt sah. So verlor, bei dem immer größeren Anteil, den Mendelssohns Glaubensbrüder nach seinem Vorgänge aiih^n allgemeinen Bildniigsfrageu nahmen, auch das Schimpfunm „Jude" stets mehr an Kraft njid Sinn Noch mehr! Der Verfasser der „Inden" und des „Nathan", der mitj seinen Riesenschultern das ganze deutsche Geistesleben ans einen neuen, gesunden Boden zurechtgerückt hatte, scheute sich nicht offen seine Hinneigung zu den Irrlehren des verketzerten Juden Spinoza zn be lnndeu und streute damit noch kurz vor seinem Tode eine Saat ans, aus welcher eine ungeahnt reiche Ernte üufgehen sollte. Was nach Lessings geistererlvsendem Werke noch von Miasmen in der Luft des deutschen Denkens übrig geblieben, davon säuberte sie das Werk des Kvnigsbcrger Weisen. Doch bald entdeckte man auch in Kant Mängel nnd Schwächen, -und die Reaktion, welche diese Kritik des Meisters in den Kreisen seiner Schüler hervvrries, nahm'meist — zum Ri aß stabe der Beurteilung — den nenentdeckten Spinoza, lind alif den Schultern dieser Spinozistcn baut sich im wesentlichen nnscr gesamtes modernes philosophisches nnd theologisches Denken ans. Daneben halte.eine ganz ähnliche Entwickelung das ästhetische Leben Deutschlands durchlaufen. Fast alle Heroen unserer klassischen nnd romantischen Literaturperioden bekannten sich, alle» voran Gothe, mehr oder minder rückhaltlos zu Spinozas Auffassung der Natur nnd des Menschenlebens. Einen Geist, der so unserem Denken und Fühlen die wichtigsten Grundlagen gegeben, den Inden zuzusprechen, mochte manchem mißlich scheinen. Mußte man auch zugeben, daß Spinozas Geburt, von Einfluß auf seine Tenkrichtung gewesen, und somit ihm hatte die Lorbeeren pflücken helfen, die ihm nun einmal nicht vorzneuthaltrn waren, so stellte man doch gern sein reiferes Denken unter nicht jüdische Einflüsse und spielte so den Kampf uin Spinoza auf das Gebiet der Quellenkritik hinüber. Bald setzte mau ihn ganz dem Descartes auf Rechnung, wogegen sich einst dessen Schüler mit allem Eifer verwahrt hatten; bald suchte man seine Wurzeln in der Philosophie der Renaissance. Nur zaghaft nnd meist andeutend