Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1894)
- Date
- 1894-06-01
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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123 Und mit sich gegen den Schein, als schrieben sie allein pro domo, zu wahren, verwiesen die fronimen Geiferer mit hämischer Genugthuung auf gelegentliche „Widerlegungen" Spinozas aus Laienkreisen. Nicht die Kirche allein, sondern alle Religion und Vernunft war gefährdet durch „den rabbinischen Aberwitz und die kabbalistischen Lappereien", welche die Wunder, den Teufel, die Willensfreiheit leugneten und Gott bis zum Staub und Ungeziefer erniedrigten. Doch der Gegner war nicht so tot als man glaubte. Seine Lehren verbreiteten sich — hauptsächlich getragen von ihrer antilirchlichcn Tendenz — von seiner Heimat aus, wo er schon zu seinen Lebzeiten Schule gemacht hatte und sein Gift sogar von der Kanzel herab in die niederen Volksschichten drang, nach England, wo man sie bald auf den Straßen hören konnte, selbst in Frankreich und Italien war man auf ihren Spuren, schließlich drangen sie auch in Deutschland ein, wo Spinoza einst eine zweite Heimat finden und eine glänzende Wiedergeburt feiern sollte. Bald reinigten glaubwürdige Biographen das Charakterbild des „Gottesleugners" von jedem Makel, und alle Diskussionen über das theologische Lieblingsthema: ob auch ein Atheist moralisch leben könne, waren dadurch mit einem Male durchschnitten. Zudem erwies sich der Spinozismus als eine „Pest," welche nicht allein oft genug ihre Ärzte — wie den guten Musaeus wirklich anstcckte, sondern sie auch ohnedies in den Verdacht der Verpestung brachte. Das unheilvollste Einfnhrmittel aber fand das Gift in den damals überaus zahlreichen Reisen nach den Niederlanden, nach England und Frankreich. Mochten die Professorell ihre reiselnstige» Schüler noch so warm vor der Ansteckung warnen, mochten sie ihnen bei ihren Promotionen schlauer Weise noch vor der Reise Gelegenheit geben, sich an Spinoza die Sporen zu holen, die abenteuersüchtige, freie Rcisestiinmung machte viele nur zu leicht empfänglich für das Gift der Fremde, das sie dann als Reisegewinn mit in die Heimat brachten. So war der „blasphemische Ex-Jnde" eine selbständige Macht geworden. Er paßte der theologischen Apologeten nicht mehr in das Procrustesbett ihrer Atheismus-Kategorien: er forderte ein eigenes Maß für sich. Alles Predigen half wenig seinen Beweisen gegenüber; seine Verehrer fanden sich an den Höfen und in den Cabinetten der Fürsten ebenso, wie in den mittleren Volksschichten; besonders gefährlich wurde er durch die weite Verbreitung des populären Deismus, der manchen spinozijchen Blutstropfen in seinen Adern führte. Man änderte nun seine Stellung zu Spinoza. Die einen zogen ihm sein Ehrenkleid aus und zeigten ihn als Compilator älterer Lehren des Ostens wie des Westens, vor allein als Jünger der Kabbala. Andere wußten bezeichnend genug, von seinem Übertritte zum Christentume zu erzählen und suchten seine Lehren mit dem christlichen Dogma in Einklang zu. bringen. Ans dem „elenden Atheisten" wurde allmählich der „unglückliche Mißleitete", dem leider die Segnungen des Christentums nicht zur Seite gestanden, ihn vor dem Äußersten zu bewahren.