Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1894)
- Date
- 1894-06-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Kirche nahm die Philosophie ins Schlepptau, die zu ihren gewagtesten Dogmenbauten die vernünftigen Stützbalken liefern mußte; wagte sich, hie und da im Volke angesichts der Ausschreitungen von Hof und Klerus ein Widerspruch au die Öffentlichkeit, so legte mau solche Querköpfe niit Leichtigkeit an die Kette — mittels der Beihülfe des Staates, den man sich durch entsprechende Gegendienste verbindlich hielt. An die Grundlagen dieser Zeit legte nun der unscheinbare Jude von Amsterdam das schneidige Beil seiner grundstürzenden Polemik furchtlos und siegesbewußt riß er dem eigennützigen Pfaffentume die fromme Maske vom Antlitz, erlöste er das Denken aus den kirchlichen Banden, befreite er die Religion von der Theologie. Überzeugend wies Spinoza die Notwendigkeit unbeschränkter Deukfreiheit nach, forderte eine Sittlichkeit ohne Rücksicht ans Lohn und Strafe mtb gab damit jedem Gott suchenden Herzen die Möglichkeit ohne das Mittlergeschäft der allein selig machen wollenden Kirche, sich zu seinem Schöpfer in Beziehung zu setzen. So erstand der Kirche in de», verachteten Inden ein.geistesnnd ivillcnsstarker Neuerer, der das große Werk Luthers, längst entstellt und überwuchert von katholisirendem Dogmengeschuvrkel, siegreich wieder ansnahm. Tie zerschmetternde Wucht seiner kritischen Keulenschläge lag in seiner u» crbittlichc» Logik, in seiner eisernen Cvnseqnenz. Was sich bisher vereinzelt als Herzens fordernng und Parteimeinnng geäußert und man mit Leichtigkeit durch die Übermacht erdrückt hatte, das stellte Spinoza auf den unerschütterlichen Grund des denknotwcndigen Beweises. Hatten ihm in mancher Hinsicht seine Vorgänger vorgcarbeirct, so hatte doch bald die Kirche von einem Descartes selbst ihre Waffen geliehen, so war ein Hobbcs mehr und mehr auf rechtsphilosophischcs Gebiet abgelenkt worden, Und hatte man sich gegen ihre Einseitigkeiten unschwer veteidigen können, indem man bei Descartes seine Rechtgläubigkeit betonte »nd Hobbcs als krassen Atheisten hinstellen durfte, so trat einem in Spinoza eine Sphinx entgegen, gegen die keinerlei Ausflucht übrig zn bleiben schien; denn was man auch angreifen mochte, man konnte meist ans ihm selbst auch dessen Gegenteil heranslesen: in den ehrendsten Ausdrücken sprach er von Christus, seine Mpslick erinnerte stark an panlinische Gvttinnigkeit. Und alle diese heterogenen Elemente tvaren in mathematischer Form anscheinend zu einem vollendeten Ganzen znsamincngeschweißt. Man staunte Spinozas Lehre in heiligem Schauder als Tenfelswerk an, man schrie ihn als einen Heuchler ans, der absichtlich in die Irre zn führen suche, man stellte ihnl in Karrikaturen seines Portraits die abschreckendsten Steckbriefe ans und verbreitete die abenteuerlichsten Gerüchte über feinen Charakter und Lebenswandel. Sv silchte man „die unzeitigen und gaukelhafren Alfanzereien" dieses „Buben aller Buben" der Verachtung der Menge preiszngeben nnd den „lächerlichen Juden" mundtot zu machen, indem man das Lesen seiner Schriften verbot.