Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1894)
- Date
- 1894-05-01
- Page
- Seite 115 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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115 Monatsschau. Am« 10. April starb in Frankfurt a. M. Frau Pauline Riesser, die Wittwe Raphael Messers, der ihr vor acht Jahren, ein Jahr nach der Feier der goldenen Hochzeit, in den Tod vorangegangen war. Pauline Riesser war eine Frau von außergewöhnlicher Erscheinung. Mit einem hervorragenden Geiste verband sie eine Reinheit und Güte der Herzens, wie sie selten in so schöner Harmonie beisammen wohnen. Aus ihrem Kreise war das Häßliche mid Falsche verbannt. Man fühlte sich in ihrer Nähe gehoben und angeregt zu allem Guten und Schönen. Unermüdlich in der Arbeit, vom frühem Morgen bis z^um späten Abend für das Wohlergehen ihrer Familie besorgt, verstand sie es, immer noch für die Ideale des Lebens Zeit zu erübrigen, für die Erziehung und Förderung ihrer Mitmenschen zu wirken und den Dürftigen und Leidenden ihre hilfreiche Hand zu bieten. Bei ihrer Selbstlosigkeit und ihrer nie erlahmenden Willenskraft vermochte sie die schwierigsten Hindernisse zu überwinden, um für Andere ein erstrebtes Ziel zu erringen. Bald nach Uebersiedeluug der Familie Riesser von Hamburg nach Bockenhcim im Jahre 1836 gründete sie daselbst eine Kleinkinderschule und den Frauenverein und später hier in Frankfurt rief sie niit gleichgesinnten Frauen den Frauenbildungs-Verein ins Leben. Bis in die letzten Tage ihres Daseins nahm sie mit hohem Interesse Anteil an dem Gedeihen dieser Anstalten und suchte trotz verminderter Körperkraft deren segensreiches Wirken zu unterstützen. Daneben gab es immer eine große Zahl von Menschen, die sie unter ihre besondere Obhut genommen hatte und denen sie mit Rat und That zur Seite stand. Ihr gastliches Haus war der Sammelpunkt der angesehensten Männer, besonders zu der Zeit, als Gabriel Riesser mit seinen Geschwistern zusammenwohnte. Dieser verehrte in Pauline Riesser nicht allein die Verwandte, sondern auch die feinsinnige Beurteilerin seiner schriftstellerischen Thätigkeit und die begeisterte Anhüngerin seiner patriotischen Bestrebungen und religiösen Gleichheitsideale. Mit ihm und vielen anderen bedeutenden Männern stand sie, so lange sie die Feder zu führen vermochte, in regem brieflichem Verkehr; selbst in den letzten Jahren, als die zitternde Hand dem Willen den Dienst versagte, erhielt sie den Briefwechsel durch Diktiren aufrecht. Tie meisten ihrer Freunde sind freilich vor ihr dahingegangen. — Und nun hat auch sie die treuen Augen geschlossen. Aber sie wird forlleben bei ihren Familienangehörigen, deren Stolz sie war und denen sie ein niemals verbleichendes Vorbild hinterlassen hat. Sie wird fortleben bei ihren Freunden und in den dankbaren Herzen der vielen Armen, denen sie ein Trost und eine Stütze gewesen ist. Ihr Andenken wird gesegnet sein. — Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Berlin hatte am 27. März nach dem Saale der Freunde eine Versammlung einberufen, die recht stark besucht war. Hauptgegenstand der Tagesordnung war ein. Bortrag des