Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1894)
- Date
- 1894-05-01
- Page
- Seite 114 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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114 unsägliches Elend in sittlicher Hinsicht nicht ganz intakt gebliebenerj Bevölkerung geworden. Und doch stehen sie uns nahe, die elenden Enkel glücklicherer Ahnen. Wenn man das Heimatland des Deutschen mit dem deutschen Liede soweit ansdehnt als die deutsche Sprache klingt, so sind sie noch jetzt Deutsche wie wir. Freilich sprechen sie ein Deutsch wie es vor Jahrhunderten in unserem Vaterland gesprochen wurde, ein, wie Heine meint, mit Hebräisch durchwirktes und mit Polnisch fa^onniertes Deutsch, aber mit echt deutscher Treue und echt jüdischer Festigkeit haben sie ihre Sprache gerettet aus den Fluten des Unglücks und sie nicht hochmütig verleugnet in den goldenen Tagen des Glücks. Noch besitzen wir ein altes rabbinisches Gutachten, das den auch slavisch sprechenden Lithauern folgende Zurechtweisung zu teil werdenläßt. „Es hat sich hier der Gebrauch eingebürgert, daß unsere Glaubensgenossen in Lithauen russisch sprechen. Wenn doch der Himmel gäbe, daß diese Leute zu Verstände kämen und alle eine Sprache, de nt sch sprechen wollten." Wenn der deutsche Reisende durch die unwirthlichen Steppen des asiatischen Ostens zieht, so tönen ihm überall von jüdischen Lippen die trauten anheimelnden Laute des geliebten langentbehrten Vaterlandes entgegen und an der mit rührender Liebe und Innigkeit wie ein Heiligtum durch ein Jahrtausend fest bewahrten Sprache erkennt er den Landsmann. Denken auch wir stets des doppelten Bandes, das uns mit dem Brüdern im Osten verknüpft, lassen wir es sie nie entgelten, daß ein feindliches Geschick ihnen manche Aeußerlichkeit, die unangenehm wirken mag, ausgeprägt, und vergessen wir nicht, daß nach dem trivialen aber darum nicht weniger wahren Sprichwort „wie es sich christelt, jubelt es sich" ihre Umgebung die Schattenseiten ihres Charakters mit herausgebildet hat. Wessen sie bei ungestörter Entwicklung fähig gewesen wären,' lehrt uns jenes bewundernswerte Werk, dem unsere Tage auch in unseren rühmliches leistenden aber fast stets zu einseitigen Gesamt- Verbünden kaum etwas an die Seite stellen können, die Vierländersynode. — L. Freunde! im alten Griechenland herrschte ein schöner Brauch. Wenn ein Freund vom andern ging, so zerbrachen sie einen Ring und teilten beide Hälften, damit durch die aneinanderpassenden Teile auch in späteren Zeiten der Freundesbund bekrästigt werde. Ich habe von 2 Hälften einer nicht leichten Arbeit die leichtere gewählt, indem ich im engem Rahmen Ihnen eine flüchtige Skizze zu entwerfen versuchte von einem farbenprächtigen Gemälde, einer wechselvollen Zeit. An Ihnen, an uns allen ist es nun, die andere Hälfte zur Hälfte zu fügen, die schwerere Aufgabe zu lösen, was au nachahmenswertem, edlem großem uns dieses Bild zeigt, festzuhalten und vor allem in immer weitere Kreise zu tragen den Grundgedanken der Einheit, die da allein führen kann zur völligen inneren Freiheit.