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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1894-05-01 · Heft 5 (1.5.1894) · p. Seite 113

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 5 (1.5.1894)
Date
1894-05-01
Page
Seite 113 (sequence 17)
Language
German
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113 Haupte gerissen hat, muß eine äußerst zahlreiche Nachkommenschaft hinterlassen haben. Denn wie halb-jüdisch Polen, sämtliche Chasonim vor allem, sich der Abstammung von dem berühmten Maharil, dem Sängerkönig rühmt, behauptet die andere Hälfte mit Stolz, von königl. Geblüt zu sein. Ueber ihre Zahl ist uns aus dieser Zeit nichts sicheres überliefert. Aus einigen Andeutungen darf man schließen, daß sie eine halbe Million nicht überstieg, wahrscheinlich nicht erreichte. Bietet so ihre äußere Stellung Seiten, die für jene Zeit der schmählichsten Entwürdigung ihrer Brüder uns in Erstaunen setzen müssen, so treten uns auch in ihrer inneren Organisation Erscheinungen entgegen, so auffallend, daß wir sie nur als Erzeugnis jener äußeren Freiheit verstehen können. Sie bildeten einen „Staat im Staate." Tie offiziellen Repräsentanten stellten die Rabbiner dar, die vom König eingesetzt die Steuern einznziehen und abzuliesern hatten, die Civil- und sogar häufig die Criminalgerichtsbarkeit ausübten. So wird von Sigismund I. ein Großrabbiner von Lithauen ernannt. Gegen Ende des 16. Jahrh. aber trat an die Spitze der gesamten Judenheit Polens eine Behörde, die in der ganzen jüd. Geschichte vorher und leider auch nachher ihres Gleichen kaum hatte und hat, die berühmte Bierländersynode, ein voul König anerkanntes, aus 10 Telegirten der 4 Hauptlandschaften Polens, nämlich Reußen, Lithauen, Kleinpolen und Großpolen, bestehendes oberstes Verwaltungsorgan. Die Synode über deren innere Einrichtung wir leider nur sehr mangelhaft unterrichtet sind, trat einmal im Jahre gewöhnlich iu Lublin, zusammen. Gleich jenem Synhedrin in den Tagen von Judas nationaler Selbständigkeit hatte die Synode die höchsten und wichtigsten Angelegenheiten der Inden Polens zu entscheiden und übte 2 Jahrhunderte lang eine überaus ivohlthätige, weitreichende Wirksamkeit. Weit über Polens Grenze hinaus berühmt, Erweiterte sie den engen beschränkten Gesichtskreis geborner Partiknlaristen, wie die Inden nun einmal sind, riß sie aus ihren o^chränkten psalbürgerlichen Anschauungen Heralts und gab ihrem Denken eine Richtung aus das Allgemeine, stärkte und kräftigte ihren inneren Zusammenhang. Durch die langjährigen entsetzlichen Judenverfolgungen, denen sie in den Kämpfen von Kosaken und Polen ausgesetzt waren, wurden die regelmäßigen Versammlungen der Synode suspendiert und dieselbe verlor so allmählich ihre alte Autorität. Merkwürdigerweise begannen diese Metzeleien in demselben Jahre, in dem die polnischen Juden die im Sohar für das Jahr 1648 angekündigte Ankunft des Messias und damit ihre Herrschaft über alle Völker erwarteten. Der mordbefl^ckte Kosakenfüh^er nannte die 3 Feldherrn des zerfahrenen Polenreichs das Schlafkissen, das Wickelkind und den Federfuchser. Sie konnten kaum sich, geschweige die Juden schützen. Furchtbar wütete der Kosak gegen die grimmig gehaßten Helfershelfer seiner ehemaligen Herren. Tie blühende, wohlhabende, selbstbewußte poln. Judenschaft war nach dem Kriege zu einer verarmten, äußerlich verwahrlosten, bettelnd Europa durchwandernden, leider auch durch die Not des Daseins und ihr

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