Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1894)
- Date
- 1894-05-01
- Page
- Seite 112 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Bewegung um die Zurücknahme des Jndenprivilegs zu erreichen und wurden die Beschränkungen, die die Kirche überall sonst hatte durchsetzen können, unter pfaffendienerischen Fürsten vorübergehend uncf) wohl durchgeführt, schmückte die Liebe der Priester der Liebe auch wohl einmal die Brust poln. Juden mit dem roten Fleck, im allgemeinen blieb ihre Lage auch in den folgenden Jahrhunderten eine erfreulich günstige. Tie Macht des Königs war eben in dem Wahlkönigreich, dem gelobten Lande des Edelmanns, wo jeder Schlachziz ein kleiner König auf seinen Gütern war, allmnhlig seit und zum Teil durch Kasimir IV. tief gesunken, und dem so gutmütigen wie bequemen Adel war der Jude zur Vermittlung seiner Geschäfte, zur Verwertung seiner Bodenerzengnisse unentbehrlich. Von der Geistlichkeit aber liest sich der polnische Magnat selten beeinflussen. In dem Lande, wo religiöse Sekten wie Pilze aus dem Boden schossen, neigte man zum Freidenkertum. Die Cleriker waren als zuchtlos verrufen. Bis zur Mitternacht spazierten sie ans den übelbcrnchtigten Straßen umher und lagen in den Schenken, klagte man und sagte ihnen Verbrechen nach, welche, jedem Stande zur Schande gereichen. Der päpstliche Legat Lipomano wurde im Landtag von den Landboten mit dem liebenswürdigen Gruß: Heil dir, du Vipcrnbrnt, empfangen. So muß denn sein Nachfolger, der Legat Eomendoni im 16. Jahrh. berichten: „Juden giebt es in Polen eine große Menge. Sie leben nicht wie an den meisten Orten elend vom Wucher — dieses Gewerbe treiben sie allerdings auch — sondern sie sind Grundbesitzer, treiben Handelsgeschäfte und selbst wissenschaftliche Studien, besonders Sternkunde und Medizin. Die Zollpacht liegt fast völlig in ihren Händen. Sie nehmen eine angesehene oft sogar gebietende Stellung in den besseren Kreisen ein. Auch unterscheidet sie weder ihre Kopfbedeckung noch anderes von den Christen. Sie tragen Degen und scheinen den Christen fast vollständig gleichberechtigt zu sein." Aeußcrlich unterscheiden sie sich in nichts von der übrigen Bevölkerung. Sie trugen die gewöhnliche polnische Landestracht, die sie bekanntlich über allen Wechsel der polnischen Kleidcrmode hinaus mit echt jüdischer Zähigkeit bis heute nicht abgelegt haben, als binde sie eine religiöse Pflicht. Es gab eine große Anzahl jüdischer Handwerker, die dreifache als die der Kanfleute. 2-jüdische Leibärzte, darunter der berühmte Nebenbuhler des jüdischen Herzogs von Naxos, Salomon Aschkenasi, der späterhin in der Türkei als Diplomat eine hochbedeutsame Nolle spielte, werden uns am Hofe Sigismunds I. genannt. Ja wollte man einer weitverbreiteten bis vor Kurzem meist als Geschichte geltenden Sage Glauben schenken, so hätte sogar ein Jude um 1586 den polnischen Thron bestiegen. Saul.Wahl d. h. der zum König gewählte oder richtiger — wie einer seiner heute noch lebenden angeblichen Nachkommen den Namen deutet — der Italiener (Walch), dem Pros. Berdschafsky's Aussatz*) im vorigen Jahr die Krone vom V abgedruckt im Litteraturblatt Beilage zur Jsr. Wochenschrift 1891.