Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1894)
- Date
- 1894-05-01
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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107 Nicht durch selbstbelügende Heuchelei, nicht durch gleißnerisches Spiel, sondern durch offenes und entschiedenes Ablehnen des Veralteten und Morschen gewinnen wir die uns drei Viertel verlorene Jugend wieder, deren Seele nach dein Wasser des Lebens, nach lebendiger Wahrheit, nach rettenden Thaten der Menschenliebe, nach gesunden Ideen, nach den leuchtenden Idealen des Daseins dürstet und verlangt. Unsere von der rosigen Freiheitslust umwehten, auf der westlichen Erdhalbkugel erzogenen Kinder können sich eben in die orientalische Welt, in die fremdländische Art, die ihnen hie und da in Schule und Synagoge entgegentritt, nicht finden. Sie suchen das Leben, und wir müssen ihnen ans der Religion Leben, frisches, gesnndes Leben cntgegenwehen lassen. Wir wollen nicht mit dem Alten brechen, sondern ans der Asche des Zerstörten und Entseelten neue Gluten der Läuterung wecken. Darin eben liegt ja die Wunderkraft des Judentums, daß cs aus der Asche seiner Zerstörung wie ein Phönix verjüngt sich erhob. Aus den Trümmern des ersten Tempels mit seinen Opfern ging der zweite mit viel heiligerer Glaubensglut und kräftigerer Gotteserkenntnis hervor. Aus dem Aschenhaufen des zweiten Tempels erblühte die Synagoge mit ihrem viel höheren Strahlenglanz und ihrer reineren Opferfreudigkcit empor. Und so muß heute ans dem allmählichen und. gänzlichen Verfall des Geschesjudentums das messianische, weltumspannende Reformjudentum, die Religion reinster Gottes- und Menschenliebe, hervorsprießen. Jeder Rückschritt, jeder Stillstand vermehrt nur die Gefahr, verzögert nur die Verwirklichung des großen prophetischen Heils. Und was hat denn dem Judentum' diese Verjüngungskraft, diese Beweglichkeit und stete Frische verliehen? Eben das. daß es aus dem Born der Gottesoffcnbarung immer von neuem schöpfte, daß cs immer mit der Kulturströmung ging und von ihr sich tragen ließ, daß es dem Geist der Zeiten lauschte und aus ihm die Stimme des Geistes aller Zeiten vernahm. Ob es Babylons und Persiens Weisheit war, die Großes und Neues offenbarte, oder Griechenlands und Arabiens Genius, der neue Himmelsschätze ans Licht brachte — das Judentum öffnete seine Räume und Kammern und ließ Licht und Leben einströmcn — und das verhütete seine Erstarrung. So wollen auch wir durch alles, lvas die Neuzeit nn Wissen uttb Klarheit, an sittlichem Streben und Hnmanitätsglauben bietet, unsere Religion verjüngen und erneuern. Wir wollen keine neue Religion, — sondern die unsere erneuert sehen. Wir bauen auf dem festen Boden der Geschichte weiter und was Bibel und Talmud, Mosaisches und Rabbinisches an eigenem Sitten- und Wahrheitsgehalt bietet, das fügen wir als Bausteine in den neuen Gottestempel der Menschheit. Wir wollen dem alten Baume nicht die Wurzel lockern, oder gar durchschneideu, wir wollen ihm nur so viel Sonne und Freiheit sichern, daß er seine Äste immer weiter ausdehne und die ganze Menschheit niit seiner Laubkrone umschatte. Eine rein philosophisch aufgebaute und zurechtgezimmerte Religion — die hat keinen Bestand. Was wächst, muß Wurzeln haben, ja und nehmt vom Weizenkorne alle Hülsen