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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1894-05-01 · Heft 5 (1.5.1894) · p. Seite 106

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 5 (1.5.1894)
Date
1894-05-01
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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wird im All, vom Schleimtierchen an, das in der wellengepeitschten Seemuschel sein verborgenes Dasein führt, bis zum leuchtenden Gestirn, das selbst Myriaden aus dem 'Schoße der Erde weckt — doch das sind nur Wellen und Eimer am großen Schöpfrade dos Lebensoeeans. Gott, der Urquell des Seins, lebt fort, aus dem der Geist strömt und in den er wieder einmündet — das ist die ewige Lehre. Und glaubt Ihr, daß diese Lehre vorn ewigen Gottesgeist nur aus toten Büchern durch to?? Menschen und tote Formen zu uns reden müsse? Gott lebt, der alte, und Ihr wähnt, er hätte blos in Palästina wunderbar gewaltet? Er hätte blos vor 3000 Jahren gesprochen und seitdem nicht wieder? Er hätte blos vor 6000 Jahren seine Schöpferkraft entfaltet und seitdem sich zur Ruhe begeben? Nein, der Weltengeist lebt und ist einem Punkt der Erde so nahe wie dem andern, und wo eine Seele ihn anrnft, da ist er und antwortet, und wo eine neue Wahrheit entdeckt wird, da hat er des Geistes Funken entzündet und angefacht. Und so muß denn auch die Religion, um als ein ewig Lebendiges sich zu offenbaren, in der Erkenntnis, des Wahren, Guten und Schönen immer fortschreiten, immer schönere und edlere Formen in der Lehre und Ausübung der Liebe und Gerechtigkeit, der Sittlichkeit und der Humanität annehmen. Was ist denn Leben? Da, mitten im Urwald steht ein Baum, Hunderte von Ringen haben seine Rinde gebildet, ehrwürdig ragt feine Laubkrone über alle andern hinauf in den Himmel. Doch ach — ihm fehlt des Lebens Kraft und grünende Frische. Hohl und morsch zittert er vor dem nahenden Sturme, der ihn zu Boden schmettert und ihn zur Nahrung macht für des Feuers Zunge. An seiner Seite aber erhebt sich ans schwachen Wurzeln mit zartem Gezweig em junges Reis, saftig ist sein Stamm, grün seine Blätter. Ihm droht kein Orkan. Die Zukunft ist sein. Wie nun? Offenbart sich blos im alten ehrwürdigen Baum die Schöpferkraft und nicht schöner noch im jungen, der im-Schatten des alten Stammes zur Blüte emporgeschossen? So entwickelt sich das Göttliche im Menschen. In der Kultur, in der Wissenschaft, in der Religion wechseln die Formen. Das Gotteswort aber steht niemals still. Die schaden der Offenbarung Gottes, die vom toten Werkzeug, vom hohlen Gerüste sprechen. Das ist der Baum des Lebens, während das Neue, frisch aus dem Innern des Herzens Hervorsprndelnde längst die Kraft und das Leben ihm abgernngen hat. Dadurch vererbt Ihr das Judentum nimmer auf eure Kinder, daß ihr alle alten, auch die entseelten und längst verblichenen Formen und Anschauungen gegen Licht und Luft abgesperrt und wie heilige Mumien aufbewahrt, daran ffnden die hungernden Herzen, die durstenden Seelen der kommenden Geschlechter keine Nahrung, keine Befriedigung. Nein. Was dem Tode verfallen, das muß preisgegeben, jedes Gesetz, jedes Gebot, jedes Bibelwort, aus dem der Geist geflohen, muß als Leichnam hinausgetragen werden ans dem Heiligtum des Lebens, wie sehr unsere Herzen noch an dem ehemaligen Priesterleib in Liebe hängen.

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