Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1894)
- Date
- 1894-05-01
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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105 und schleudert Welten dahin wie Regentropfen. Sein Hauch berührt das Menschenherz, daß seine Saiten bald sauft, bald wild erklingen. Sein Licht durchblitzet und durchleuchtet das Hirn mit Weishcitsfunken. Ja, mein Gott lebt, darum könnt.ihr mit Toten ihm nimmer dienen und nahen. Ach, die »leisten Menschen werden heute an Gott nur gemahnt durch Todesschauer, nur ins Gotteshaus geführt durch Seelenmunden, durch Trauerempfindungen, durch schmerzlich^ Schickjalsschläge — und Israels Gott erscheint fast blos wie ein Gott des Todes. Das ist nicht unsere Religion. Dazu habt Ihr sie entstellt und herabgedrückt. Das Judentum will das frische pulsirende Leben, will die heilige Gottcsflamme schüren und »ähren im Herzen, dem Altäre der Menschenliebe, und das ewige Licht des Geistes pflegen und erhalten am Himmelsleuchter der Vernunft. Das Judentum ivill das allerdings flüchtige und kurze Erdendasein mit dem Geist der Ewigkeit vermählen, cs verlängern, verschönern, versüßen und erheitern, nicht getrübt und verkürzt sehen. Darum wendet es den Blick hinweg vom Hinfälligen und Erstorbenen zum Lebendigen. Wie Moses am rauchenden Sinai, so spricht es denen, die verehrend das goldene Kalb jahraus jahrein ohne Rast und ohne feierliche Ruhe und Gemütserhebung umtanzen: Seht, was Ihr anbetet, das ist Staub, der zerfällt und vom Winde mit fortgeweht wird. Blicket hin auf Eure Genussesmahle, sie sind Totenopfer, denn Ihr lebt ja nicht — Ihr spannt Euren Nacken in das Joch eines freudenlosen Sklavendaseins, und wo Ihr sprechet: Der Mann hat.viel gelebt, da meint ihr selber doch nur — er sei schon vielfach erstorben. O höret doch besser auf den Willen des großen Meisters, merket und horchet auf die Gesetze der Natur, auf die ewigen Gebote, die der Mensch üben muß, daß er lebe! Und wenn Kummer und Weh Euch am Herzen nagen, wenn Eurer Seele Heiterkeit von schwarzen Wolken umnachtet ist, lastet doch nicht vom Wurme des Zweifels, vom Stachel des Unglaubens Eures Daseins Wurzel durchbohren und Euer Innerstes vom Gift des unbändigen Trotzes verzehren. Glaubet an Eine alles zum Besten lenkende Vatergüte und Vorsehung — und versperrt Euch nicht mit selbstmörderischem Sinn den frohen Hoffnungsausblick in eine Welt, die von einer ewig heiteren Sonne göttlichen Geisteslebens umstrahlt und erhellt ist. Haltet fest am Gott des Lebens, am Leben des Geistes! Wie im großen Haushalte der Natur aus jedem Keime der Verwesung, aus jedem modernden Stein neues Leben sprießet, so muß auch im sittlichen Leben des Menschen aus jeder Asche, jedem Brandstücke der Lebenszerstörung, ans jeder Ruine ehemaliger Daseinsblüte erprobte Kraft und Lauterkeit der Seele hervorblühen und der Born der Religion sein Wasser des Lebens, den Segensstrom seiner erfrischenden und verjüngenden Lehre hierbei ausstrahlen. Ja wohl, uns schreckt nicht der Tod. Wohl sind wir allesamt nur Asche und Staub. Wohl gewahren wir alles, was an der Sonnenglut des Lebens gezeitigt, von ihr auch wieder aufgezehrt und in nichts aufgelöst