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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1894-05-01 · Heft 5 (1.5.1894) · p. Seite 104

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 5 (1.5.1894)
Date
1894-05-01
Page
Seite 104 (sequence 8)
Language
German
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I — 104 — y' macht. Gottes Gesetz ist's. das Glauben und Gehorsam verlangt." Nun, unsere Väter und Großväter hatten diesen Ausspruch zum Grundsatz ihres Lebens gemacht und waren gewiß viel glücklicher dabei als wir es heute sind. Sie glaubten, ohne zu grübeln. Sie hofften, ohne zu zweifeln. Sie harrten der buchstäblichen Erfüllung der Verheißung entgegen, daß ein Sohn aus dem königlichen Hause Davids den jüdischen Staat und den Tempel ans den Trümmern wieder ausrichte, und da dies zum Erlvsungsmönat eintreffen soll, so war der Gedanke der Vorbereitung zur festlichen Wallfahrt, die Abschüttlnng aller Unreinheit durch die Entsündigungsasche das Erste, woran der herannahende Frühling gemahnte. Für uns sind all diese nationalen Hoffnungen und priesterlichen Satzungen alles Lebens, alles Sinnes und Einflusses auf das Gemüt beraubt. Allein zitternd und bangend fragen wir uns: Wo ist denn Leben? Die alte Hülle der Religion ist tot; aber wo ist denn die innere Religiosität? Gleich dem Stammvater Isaak, der von Todesfurcht beschlichen, seinem Sohne vor seinem herannahenden Lebensende den Segen erteilen wollte, durchzittert unsere jüdische Genossenschaft, die zu überwiegend großem Teile Männer von der alten, Garde zu ihren Mitgliedern zählt, die Furcht, daß die immer mehr sich lichtenden Reihen dahingerafft werden, ohne daß der Segen des heiligen Vatererbes zngeführt und zugesichcrt worden wäre. Ach, das ältere Geschleckt laßt in blinder Frömmigkeit mit der fest umklammerten Schale den Kern mit verrosten, so daß der jüngeren Generation nichts mehr von dem Blütenschmuck und der saftigen Frucht -vom Baume des Lebens übrig bleibt. Auf die ernste Frage giebt unser Text eine beherzigenswerte Doppellehre zur Antwort: Sie sagt: -Alles was tot ist — ist unrein, aber von der Asche des Toten, des verbrannten Sühnopfers, soll Reinheit erwachsen dem Unreinen. Aber Wasser des Lebens muß Hinzuströmen — soll die Verjüngung und Neuschöpsung des Menschen mit der Asche erzielt werden — die Religion Israels ist eine Lehre des Lebens — nicht des Todes. Als König Salomo zu Ehren Gottes einen Tempel bauen wollte, da schickte, nach rabbinischer Legende, Pharao eine Anzahl von Männern, denen die Astrologen noch den Tod für selbiges Jahr prophezeit hatten, nach Jerusalem, - damit sie ihm scheinbar zum Werk behilflich sein sollten. Der weise König aber steckte sie in schwarze Gewänder und sandte sie zurück mit den Worten: „Sagt Eurem Fürsten: Mein Bau gilt dem Herrn des Lebens, zum Tode Geweihte will ich nicht bei meinem Werke!" Das Judentum trat mit dem Anspruch auf: Mein Gott ist Jehova, ein Gott des Lebens — nicht des Todes. Eure Götter sterben und welken dahin, wie ihr selber. Mein Gott lebt und ist alles Lebens Urquell. Was ihr als Werden und Vergehen wahrnehment im All, das ist sein Wirken in der Werkstatt des Daseins. Was ihr Tod und Verwesung nennt, das ist Umgestaltung, Wechsel der Erscheinungsformen. Mein Gott lebt. Hört ihr nicht die stolzen Berge erzittern, das Weltmeer brausen im Sturmgebrüll? Er schlägt die Riesenharfe der Schöpfung mit Dvnnerakkorden

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