Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1894)
- Date
- 1894-04-01
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
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Versammlungen Psalmen nach jüd. Ritus zu singen pflegten. Die Dehnbarkeit des Begriffs „Jüdisch", den man allem oft beilegte, das den Ring des altgewohnten Schlendrians durchbrach, läßt in dieser Angabe nur eine schwache Stütze erblicken. Wie dem nun sein mag, als Fürst Iwan dem Druck der gegen die Neuerer fanatisirten Volksmenge iiachgebeiid, ein furchtbares Strafgericht über jene Pfendojuden ergehen ließ, gegen die Juden, die angeblichen Anstifter des Unheils, wandte sich die Volkswut nicht, ein wie mir scheint, sicherer Beweis, daß es, außer in Kew etwa, keine solche in Rußland gab. Jene 3 Juden sollten in der That ja ans Kiew eingewandert sein. Iwan Wasselwitsch hatte, wie es scheint, sogar Ursache, die Juden nicht zu lieben. Ein jüd. Arzt aus Venedig, Messer Leon, hatte sich 3 Jahre vor jener Katastrophe, 1400 anheischig gemacht, den Thronfolger von einem Karbunkel zu kurieren. Er legte mit heißem Wasser gefüllte Glasgefäße auf die schmerzende Stelle. Der Prinz starb und Iwan ließ den Arzt als Kurpfuscher hinrichten. Anders Andreas Bogoljubski, (-(-1175) ein mißtrauischer Despot, der sich nur mit Fremden unigab. Er soll einen jüd. Hofbeamtcn Efrem Moisitsch, gehabt haben. Der wahnwitzige Menscheiischlächter Iwan der Schreckliche haßte ganz besonders die Juden. Als er auf einem Kriegszuge gegen Polen i. I. 1563, das von letzteren besetzte Polozsk erobert hatte, kühlte er seine Kampfesglut, indem er sämtliche Juden, die wie überall in Polen, dort ungestört lebten, in der Düna ertränken ließ. Er gestattete keinem fremden Juden das Land zu betreten. Als einst solche nach Moskau kamen, wurden sie vertrieben, „weil sie mst giftigen Kräutern handelten und das Volk dem Christentum abwendig machten" und den Friedeilsartikel, welchen Siegmund August von Polen ihm vorschlug, daß die Lithauischen Juden Handelsbeziehungen mit Rußland pflegen dürften» verwarf er. „Wir wollen diese Menschen nicht," war seine Begründung, „welche Gift für Leib und Seele zu uns gebracht haben. Sie haben tötliche Kräuter bei uns verkauft und unfern Heiland gelästert". Wie es scheint soll sich der erste Vorwurf auf den eben erwähnten Arzt, der zweite auf die Skariacrzählung beziehen. Offenbar war ein tiefeingewurzelter Haß gegen die Juden wie überall, wo man sie nicht kennt, mindestens bei den russ. Priestern vorhanden. Was ihren Zorn herausforderte, bezcichncten sic als jüdisch. Als eine Abänderung des bekanntlich noch jetzt iu Rußland sehr fehlerhaften Kalenders beabsichtigt wurde (1598), da sprach man von Annäherung an das Judentum, aber auch die absolute Herrschaft der Kirche, die diese forderte, wurde von Freidenkern als Judaismus bezeichnet. Im allgemeinen können wir als erstes Ergebnis festhalten, daß das heilige orthodoxe Rußland unsere Brüder von jeher nur ganz vereinzelt duldete. Woher aber die ungeheure Zahl derselben, beinahe 4 Millionen, eben in Rußland? Die Russen pflegen heute wohl ihre Juden als eine „poln. Erbschaft" zu bezeichnen. Die russ. Juden find durch die Vereinigung des ehemaligen Königreichs Polen mit Rußland unter die Herr-