Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1894)
- Date
- 1894-04-01
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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75 Geschichte keine Auskunft; ihre Zwillingsschwester, die Sage, macht sie zum teil zu Abkömmlingen der Zehnstämme und erzählt uns von einem wunderbaren Traum des Zaren Bulan (um 730) und seines Peg und von Disputationen zwischen jüdischen, christlichen und mohnmedanischen Weisen am Chasarenhofe, die da sowohl der Christ wie der Mohamedaner die jüdische Religion für die, abgesehen von der seinigen, beste Religion erklärt habe, Bulan zum Uebertritt geführt hätten. Aber erst ein Nach« komme Bulans, Obadja, machte Ernst mit dem neuen Glauben, ließ Synagogen und Schulen bauen und jüdische Gelehrte kommen. So erzählt uns König Josef. Indessen wissen wir, daß um die Zeit Bulans schwer das Joch des byzantinischen Reiches unter dem Bilderstürmer 'Leo dem Jsauri auf den griechischen Juden lastete, sodaß viele in die Krimm flohen, wo sie den handeltreibenden Chasaren bald unentbehrlich wurden und für ihren Glauben Propaganda gemacht haben mögen. Die jüdische Religion faßte allmählich immer tiefere Wurzeln im Volke. Einander scheinbar widersprechende Nachrichten arabischer Schriftsteller, wonach einmal die sämtlichen Großen des Reiches, dann die meisten Städtebewohner oder endlich alle Chasaren mit Ausnahme des stehenden Heeres Juden gewesen wären, spiegeln offenbar verschiedene Entwicklungsphasen des Judentums in Chasarien wieder. Als Chisdai den Brief Josefs um 960 erhielt, stand das jüdische Reich noch achtunggebietend da, wenige Jahre und es brach zusammen. Innere Zwistigleiten scheinen dem Russen Swjätoslaw den Sieg über diese östliche Großmacht so überraschend leicht gemacht zu haben. Um 970 war ein kleiner Chasarenstaat auf der Halbinsel Krimm der elende Rest des Riesenreiches, 1016 erlag auch dieser den Russen; aber noch heute sinden wir unter den zahlreichen Gemeinden der Krimm Nachkommen des einst so mächtigen Volkes, die man lange „Kehal Chazar", Chasarengemeinde, nannte. Mau darf es wohl als eine begründete Vermutung aussprechen, obwohl historische Zeugnisse nicht vorliegen, daß von hier aus die winzigen verstreuten jüdischen Kolonien sich gebildet haben, deren Spuren in den folgenden Jahrhunderten uns hier und da immer undeutlich wahrnehmbar entgegentreten. II. R u ß l a n d. Aus der Krimm mögen die Kiewer-Juden eingewandert sein, die nach dem Tode Swjätopolks (1113) eines der wenigen russischen Fürsten, die den Juden Wohlwollen zeigten, von den Kiewern geplündert wurden. Es waren fiskalische Zwecke, um derentwillen Swjätopolk sie gefördert hatte. Er hatte seine Steuerpächter aus ihnen gewählt und ihnen, jedenfalls um möglichst viel Geld aus ihnen ziehen zu können, ein unumschränktes Wucherprivileg gegeben. Einer der ersten Schritte seines Nachfolgers Wladimir Monomach war deshalb die Herabsetzung des Maximalzinsfußes auf ein Drittel des Kapitals, wie man sieht, noch hoch genug. Aus der Lebensbeschreibung des heil. Theodosius v. Petjchersk (bei Kiew) ergiebt sich, daß in der 2. Hälfte des elften Jahrh. Juden in Kiew sich fanden.