Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1894)
- Date
- 1894-03-01
- Page
- Seite 64 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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<u erstrebt der Verein im Allgemeinen: Zeitgemäße Fortentwickelung des Judentums: Befreiung desselben aus den Fesseln starren Buchstabenglanbens und unfruchtbaren Formendienstes; Anpassung der notwendigen Formen an Geist und Sitte der Jetztzeit; Erhaltung seines Wesens bei Beseitigung unnütz trennender Aeußerlichkeiten; stärkere Betonung des geistigen und sittlichen Gehalts des Judentums und hierdurch innere Kräftigung desselben gegenüber feindseligen Zeitströmungen. Im Besonderen : 1. Weiterentwicklung des Gottesdienstes nach freisinnigen Grundsätzen, namentlich in einer der heutigen Zeit und dem heutigen sittlichen Bewußtsein entsprechenden Form und in einer auch den Frauen und der Jugend verständlichen Sprache; Beschränkvng der hebräischen Sprache auf das Maß pietätvoller Erinnerung und Pflege. 2. Umgestaltung veralteter Einrichtungen — jedoch unter Vermeidung eines jeden Gewissenzwanges — in den der Gemeinde unterstehenden Anstalten, namentlich des Beerdigungswesens; Abschaffung aller den heutigen Verhältnissen widersprechenden Gebräuche. 3. Belebung des Interesses für jüdisches Wissen im Sinne freier Forschung. 4. Schaffung und Erhaltung eines freisinnigen Religionsunterrichts.. 5. Leitung der Gemeinde im Sinne des religiösen Fortschritts ohne Verletzung berechtigter Ansprüche der Andersdenkenden. 6. Zeitgemäße Umgestaltung der Gemeinde-Verfassung, namentlich Verlegung des Schwerpunktes der Verwaltung in einen von allen Gemeindemitgliedern ohne Mitwirkung der Staatsbehörde selbstständig zu wählenden Ausschuß; Wahl des Vorstandes durch den Ausschuß.— Ans Dürrn berichtet man: Im hiesigen „Generalanzeiger" lesen wir: Im 3. Buche Moses 19, 18 heißt es: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst." Der berühmte Rabbi Hillcl sagt: „Was Du nicht willst, das man Dir thue, das thue auch Deinem Nächste» nicht, — das ist das ganze Gesetz, alles klebrige ist Erklärung." Diese Cardinal- und Fundamcntalsätze, nicht nur der jüdischen, sondern aller Religionen, werden dem Pfarrer Herrn Sauvage wohl besonders vorgeschwebt haben, als er jüngst in seiner Pfarrkirche zu Kelz die Kanzel bestieg und in ernsten und eindringlichen, seine andächtige Gemeinde tief bewegenden Worten eine Warnung erließ vor dem Besuche der für den Nachmittag desselben Tages angesetzten antisemitischen''Versammlung. — Der hochwürdige Herr setzte in fast einstündiger Rede auseinander, wie Gott alle Menschen nach seinem Ebenbilde erschaffen habe, wie Christus die Liebe gepredigt habe und wie es unchristlich sei, seinen Nebenmenschen zu verachten und zu hassen. Er wies darauf hin, wie zwischen den jüdischen und christlichen Bewohnern seiner Pfarre stets Friede und Eintracht geherrscht habe und^daß es eine verbrecherische That sei, dieses Verhältnis stören zu wollen. „Ich hoffe nicht", so ungefähr sagte der Herr Pfarrer, „daß auch nur Eines meiner Pfarrkinder sich an diesem frevle» Treiben beteiligt, ich würde mich schämen, ihr Pfarrer zu sein." Das sind goldene Worte, die dem wahren Gottesmanne und ächten Seelenhirten zur höchsten Ehre gereichen. Eine große Genngthuung muß es dein hochwürdigen Herrn gewesen sein, daß seine Lehren nicht in dürres Erdreich gefallen sind; denn wie