Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1894-03-01 · Heft 3 (1.3.1894) · p. Seite 59

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 3 (1.3.1894)
Date
1894-03-01
Page
Seite 59 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2969669-2969961-2969965--4105-2977202
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

59 Eines der ältesten Lieder war von einer Frau, und eines der schönsten uns bekannten Gebete wurde der Mutter Samuels in den Mund gelegt. Auf der Basis der thatsächlichen Gleichheit zwischen Mann und Frau erwuchs jene Keuschheit, Enthaltsamkeit und Mäßigkeit, welche niemals das Gesetz zu Stande bringt, sondern nur die sittliche Selbstbeherrschung des Mannes, die entsteht aus der anerkannten Würde der Frau. Es ist bezeichnend, daß die Gesetze gegen geschlechtliche Ausschweifungen keinen Unterschied machen zwischen den beiden Geschlechtern. Zu welcher Höhe das sittliche Gefühl ausgebildet war, zeigt sich in der im Buche der Richter (Kap. XlX bis XXI) überlieferten Erzählung. Der dort berichtete Schimpf wird als unerhört bezeichnet „seit Israel aus Egypten zog"; er erregt die Entrüstung des gesammten Bolkes, und die Weigerung, die Schuldigen auszuliefern, bewirkt einen Krieg, dessen Veranlassung uns an den Zug gegen Troja erinnert. Nur daß, während Paris die Gastfreundschaft eines mächtigen Königs verletzt und ihm seine Gemahlin geraubt hatte, die Männer der Stadt Benjamins einen gemeinen und unbekannten Wanderer und sein Weib beschimpft hatten, deren Ehre gerächt werde» sollte. Dieser hohe Sinn für die der Frau gebührende Ehre zeigt sich schon in d?n alten Familiensagen, wo die Frau keineswegs die Sklavin des Mannes ist. Sara, Rebekka, Michal, Abigail. die Frau von Snnem, waren alle die Herrinnen des Hauses, wie sie in den „Sprüchen" geschildert sind, welche den Mann mahnen, treu zu bleiben dem Weibe seiner Jugend und Genüge zu finden in ihrer Liebe, denn „ein gutes Weib ist die Krone ihres Gatten, eine Gabe Gottes; ein tugendhaftes Weib ist kostbarer denn Perlen." Eine Verherrlichung echter, treuer Liebe, wie wir sie im „Lied der Lieder" finden, und die reizende Gestalt in jenem schönen .Idyll „Buch Ruth", konnte nur da entstehen, wo das höchste Ideal edler Weiblichkeit erdacht und anerkannt war. Diese Ausnahmestellung der Frau nuter den Israeliten bildet einen glänzenden Gegensatz zu ihrer Stellung, bei manchen Völkern des Altertums, wo selbst die abscheuliche Sitte geduldet mar die Gattin dem Freunde zu leihen. Der einzige scheinbar berechtigte Vorwurf gegen die Stellung der Frau unter den Juden ist der Mangel eines Gesetzes gegen Polygamie. Ein ähnlicher Einwand mag gegen die Gestattung der Sklaverei gemacht werden. Aber in dem einen, wie in dem anderen Falle war die Gesetzgebung außer Stande, diese abscheulichen Sitten abzuschaffen; doch that sie alles, was in ihrer Macht stand, um dieselben zu mildern und einzuschränken. Aber besser noch als die Gesetze beweisen die alten Familientraditionen, daß Monogamie die Regel und Polygamie die seltene, nur bei Königen und mächtigen Häuptlingen zugelassene Ausnahme war. Abraham nimmt erst, nachdem er alle Hoffnung auf Nachkommenschaft aufgegebe» hat, und nur auf dringendes Bitten seiner Frau, die Hagar zum Nebenweibe; Isaak hatte nur eine Frau, und Jakob beabsichtigte, nur Rahel zu heiraten. Joseph,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.